Klimasorgen bewegen Deutsche mehr und mehr

DIW Wochenbericht 19 / 2026, S. 287-294

Daniel Graeber, Laura Schmitz, Franziska Holz

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  • Klimasorgen wachsen seit 2013 laut Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) in allen Altersgruppen – nicht nur bei jungen Menschen
  • Spätere Geburtsjahrgänge sorgen sich mehr als frühere um die Folgen des Klimawandels
  • Klimasorgen nehmen im Lebensverlauf stetig zu
  • Extremwetterereignisse und gesellschaftliche Mobilisierung verstärken Klimasorgen gesamtgesellschaftlich und schaffen günstige Voraussetzungen für Klimapolitik
  • Frühe Bildung über Folgen des Klimawandels wichtig, um Einstellungen zu prägen, auch Informationsangebote an ältere Bevölkerung essenziell

„Entgegen dem verbreiteten Eindruck sind Klimasorgen kein Thema allein der jungen Generation. Das eröffnet Spielräume für entschlossene Klimapolitik: etwa beim Ausbau erneuerbarer Energien oder beim europäischen Emissionshandel.“ Franziska Holz

Der Klimawandel löst bei zahlreichen Menschen Ängste aus. Sorgen über die Folgen des Klimawandels, sogenannte Klimasorgen, variieren erheblich nach Alter, Generation und im Zeitverlauf. Dieser Wochenbericht untersucht auf Basis von Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), inwieweit diese Unterschiede auf Alterseffekte, generationale Sozialisation oder jahresspezifische Ereignisse zurückgehen. Die Ergebnisse zeigen, dass Klimasorgen in der deutschen Bevölkerung seit 2013 insgesamt zunehmen. Dies deutet auf den Einfluss externer Ereignisse wie Extremwetter und gesellschaftliche Mobilisierungsprozesse hin. Kohorteneffekte sind stärker ausgeprägt als Alterseffekte, wobei jüngere Generationen systematisch größere Klimasorgen aufweisen. Entgegen verbreiteten Annahmen wachsen Klimasorgen auch innerhalb einer Generation mit zunehmendem Alter. Daher sollte sich klimapolitische Kommunikation nicht einseitig auf bestimmte Altersgruppen konzentrieren, sondern alle Generationen ansprechen. Da Klimaereignisse häufig zu einer erhöhten öffentlichen und politischen Aufmerksamkeit führen, sollten diese Zeitfenster besser genutzt werden. Sie bieten die Möglichkeit, sowohl kurzfristige Unterstützungsmaßnahmen für Betroffene als auch langfristige klimapolitische Strategien voranzutreiben.

Der Klimawandel zählt zu den zentralen Herausforderungen unserer Zeit.infoIPCC (2023): Climate Change 2023: Synthesis Report. Contribution of Working Groups I, II and III to the Sixth Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change. In: H. Lee und J. Romero (Hrsg.): Inter-Governmental Panel on Climate Change. Genf (online verfügbar, abgerufen am 16. April 2026. Das gilt für alle Online-Quellen des Berichts, sofern nicht anders vermerkt). Allerdings sind die öffentliche Wahrnehmung und die damit verbundenen Sorgen über seine Folgen keineswegs homogen: Sie variieren zwischen Altersgruppen sowie Generationen und verändern sich im Zeitverlauf. 2018/19 rückte der Klimawandel stärker ins Zentrum, was unter anderem in der Bewegung Fridays for Future seinen Ausdruck fand. Diese war zunächst vor allem eine Bewegung der jüngeren Generation. Der European Green Deal im Jahr 2019 wurde jedoch von einem breiten gesellschaftlichen Konsens getragen, die Klimakrise müsse bekämpft werden. Mit der Corona-Pandemie ab 2020 und der Energiekrise 2022 verlagerte sich der gesellschaftliche Fokus auf andere Themen. Dieser Wochenbericht zeigt, dass trotz der schwindenden medialen und politischen Aufmerksamkeit die Sorge um den Klimawandel in der Bevölkerung nicht zurückgegangen ist – im Gegenteil. Das öffentliche Aufmerksamkeitsniveau schwankt, die Sorgen der Bevölkerung tun es nicht.

Ein besseres Verständnis für die Wahrnehmung des Klimawandels in der Bevölkerung ist nicht nur für die Klimaforschung von Bedeutung, sondern auch für die politische Ökonomie des Klimaschutzes: Wer sich in welchem Maß um den Klimawandel sorgt, beeinflusst die gesellschaftliche Akzeptanz klimapolitischer Maßnahmen und damit deren politische Durchsetzbarkeit. Klimasorgen sind dabei mehr als nur eine subjektive Momentaufnahme. Die sozialwissenschaftliche Forschung zeigt: Wer sich um das Klima sorgt, unterstützt klimapolitische Maßnahmen mehr und ist eher bereit, sein Verhalten zu ändern – stärker als es soziodemografische Merkmale oder politische Orientierung beeinflussen.infoSander van der Linden (2017): Determinants and measurement of climate change risk perception, worry, and concern. In: Matthew C. Nisbet et al. (Hrsg.): Oxford Encyclopedia of Climate Change Communication. Oxford University Press (online verfügbar).

Dieser Wochenbericht untersucht im Beobachtungszeitraum von 2009 bis 2023, wie sich Klimasorgen in Deutschland nach Alter, Geburtskohorte und Erhebungsjahr unterscheiden. Grundlage der Analyse sind Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), das mit seiner langen Laufzeit und Panelstruktur eine besonders geeignete Datenbasis für die Fragestellung liefert. Methodisch wird auf den Ansatz der Alters-Perioden-Kohorten-Analyse (APC) zurückgegriffen (Kasten).infoJames J. Heckman und Richard Robb (1985): Using Longitudinal Data to Estimate Age, Period and Cohort Effects in Earnings Equations. In: William M. Mason und Stephen E. Fienberg (Hrsg.): Cohort Analysis in Social Research: Beyond the Identification Problem. Springer, New York, 137–150 (online verfügbar).

Aus statistischer Sicht können ohne zusätzliche Annahmen keine belastbaren Schlussfolgerungen über Alters-, Kohorten- oder Zeitprofile gezogen werden. Da Alter, Geburtskohorte und Erhebungsjahr in einer exakten linearen Abhängigkeit stehen, ist die simultane Schätzung aller drei Effekte ohne weitere Annahmen nicht möglich. Der Grund ist, dass diese drei Größen deterministisch miteinander verknüpft sind: Kennt man beispielsweise das Geburtsjahr und das Jahr der Beobachtung, ergibt sich daraus unmittelbar das Alter einer Person. Entsprechend lässt sich jede der drei Dimensionen aus den beiden anderen ableiten. Dieses sogenannte Identifikationsproblem tritt analog bei Alters-, Kohorten- und Periodeneffekten auf. Um dies zu lösen, folgt dieser Bericht einem Proxy-Ansatz, der Periodeneffekte durch beobachtbare externe Variablen annähert.infoHeckman und Robb (1985), a.a.O.

Um dies zu lösen, folgt dieser Bericht einem Proxy-Ansatz: Jahresindikatoren werden durch beobachtbare externe Variablen ersetzt, die das zugrunde liegende Konzept – hier klimatische Bedingungen – abbilden. Dadurch wird der perfekte lineare Zusammenhang zwischen Alters-, Kohorten- und Periodeneffekten aufgelöst. In der Analyse werden lineare, quadratische und logarithmische Terme der jährlichen Durchschnittstemperatur sowie die jährliche Zahl sehr heißer und sehr regenreicher Tage verwendet. Die Einbeziehung dieser Variablen anstelle von Jahresindikatoren ermöglicht es, Aussagen über Alters- und Kohortenprofile zu treffen. Zu beachten ist jedoch, dass sich aus den Schätzungen keine Aussagen über das absolute Niveau der Sorgen ableiten lassen. Stattdessen sind die Effekte relativ zu einer Referenzgruppe zu interpretieren. In der vorliegenden Analyse besteht diese Referenzgruppe aus Personen, die im Jahr 2009 18 Jahre alt waren.

Die Datengrundlage bildet das Sozio-oekonomische Panel (SOEP). Das SOEP ist eine repräsentative Längsschnittbefragung privater Haushalte in Deutschland, die seit 1984 Informationen zur Lebenssituation der Bevölkerung erhebt.infoDas SOEP ist eine repräsentative jährliche Wiederholungsbefragung privater Haushalte, die seit 1984 in Westdeutschland und seit 1990 auch in Ostdeutschland durchgeführt wird; vgl. Jan Goebel et al. (2019): The German Socio-Economic Panel (SOEP). Journal of Economics and Statistics, 239(29), 345–360 (online verfügbar). Für die vorliegende Publikation wurde die Datenversionen SOEPv40.1 genutzt. Seit 2009 werden zusätzlich zu den Umweltsorgen auch Sorgen über die Folgen des Klimawandels erfragt. Die Antworten finden sich auf einer Skala von 1 („keine Sorgen“) bis 3 („große Sorgen“).infoDie Rohdaten der SOEP-Erhebung können online eingesehen werden, so auch die Daten der Frage nach Klimasorgen (online verfügbar). Für die vorliegende Dekomposition wurden die Angaben standardisiert, sodass die Werte als Standardabweichungen relativ zur Referenzgruppe (18-Jährige im Jahr 2009 beziehungsweise Befragte im Jahr 2009 in Abbildung 1) interpretiert werden können.

Die vorliegenden Analysen sind gewichtet, sodass sich Aussagen über die zu Grunde liegende Population treffen lassen. Die Daten zur Durchschnittstemperatur (Grad Celsius), zur Zahl heißer Tage (Tagesmaximum ≥ 30 Grad Celsius) und der Zahl von Starkniederschlagstagen (≥ 20 Millimeter pro Tag und Quadratmeter), jeweils im Jahresschnitt, stammen vom Deutschen Wetterdienst (DWD).infoDeutscher Wetterdienst: Climate Data Center (online verfügbar).

Klima- und Umweltsorgen wachsen seit 2013

Klimasorgen werden im SOEP seit 2009 erhoben. Damit wird die bereits seit der ersten Befragung des SOEP im Jahr 1984 gestellte Frage zur Sorge um den Schutz der Umwelt ergänzt (Abbildung 1).infoUmweltsorgen und Klimasorgen werden nacheinander in derselben Befragung erhoben, zusammen mit anderen potenziellen Sorgen wie Arbeitsplatzsicherheit und Altersversorgung, vgl. SOEP-Befragungsbogen (online verfügbar). Man kann daher davon ausgehen, dass die Befragten Umwelt- und Klimasorgen unterscheiden. Im Zeitverlauf ist ein deutlicher Trend wachsender Klimasorgen seit 2013 erkennbar. Sie sind 2019 nochmal sprunghaft nach oben gestiegen und liegen seitdem mit Ausnahme des ersten Coronajahrs 2020 auf hohem Niveau. Bemerkenswert ist der Vergleich mit der längeren Zeitreihe der Umweltsorgen: Selbst die aktuellen Spitzenwerte der Klimasorgen liegen noch deutlich unter dem Niveau, das die Umweltsorgen Ende der 1980er Jahre erreicht hatten, damals geprägt durch die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl und die Waldsterben-Debatte. Die heutige Wahrnehmung des Klimawandels ist also intensiv, aber historisch betrachtet nicht beispiellos. Im Folgenden stehen die Klimasorgen im Mittelpunkt der Analyse.

Altersprofile sind stabil, das Sorgenniveau schwankt erheblich

Betrachtet man die Klimasorgen in verschiedenen Altersgruppen, zeigen sich zunächst starke Schwankungen (Abbildung 2). Bei jüngeren Menschen sind die Klimasorgen meist erst relativ hoch, fallen dann aber bis zu einem Wendepunkt ab. Dieser lag in früheren Erhebungen (2009 bis 2015) etwa bei Mitte 20 und hat sich zuletzt auf Anfang 40 verschoben. Anschließend steigen die Klimasorgen wieder an und erreichen im höheren Alter einen zweiten Höhepunkt, bevor sie zum Lebensende deutlich zurückgehen.

Auffällig ist, dass die Altersprofile über die Erhebungsjahre hinweg in ihrer Form weitgehend stabil bleiben, ihr Niveau jedoch erheblich variiert. So waren die Klimasorgen von 2009 bis 2016 über alle Altersgruppen hinweg merklich geringer als in jüngerer Zeit. Besonders markant ist ein deutlicher Anstieg ab 2019, der zeitlich mit zwei bedeutsamen externen Entwicklungen zusammenfällt: verstärkten öffentlichen Klimaprotesten, die ab 2018 breite gesellschaftliche Aufmerksamkeit erlangten,infoJulia Zilles (2023): 20. August 2018: Beginn der Klimaproteste Fridays for Future. Bundeszentrale für politische Bildung, Hintergrund aktuell (online verfügbar). sowie einer anhaltenden Serie von Extremwetterereignissen, darunter überdurchschnittlich hohe Jahresdurchschnittstemperaturen und zahlreiche heiße Tage mit Temperaturen von 30 Grad Celsius oder mehr (Abbildung 3). Dies deutet darauf hin, dass die beobachteten Niveauunterschiede der Klimasorgen zwischen den Jahren maßgeblich durch jahresspezifische Ereignisse geprägt sind – sogenannte Periodeneffekte.

Schwierige Trennung von Alters-, Kohorten- und Jahreseffekten

Abweichungen zwischen Altersgruppen innerhalb eines Jahres lassen sich nicht ohne Weiteres kausal als Alterseffekte interpretieren. Personen unterschiedlichen Alters wurden in verschiedenen Jahren mit unterschiedlichen gesellschaftlichen, politischen und klimatischen Rahmenbedingungen geboren. Diese prägenden Unterschiede werden als Kohorteneffekte bezeichnet. Umgekehrt gilt: Verfolgt man eine Geburtskohorte über die Zeit, werden ihre Mitglieder mit jedem Lebensjahr zwangsläufig auch in einem anderen Kalenderjahr mit spezifischen Ereignissen beobachtet. Der außergewöhnlich heiße Sommer 2018 und die Klimaproteste sind hierfür prägnante Beispiele eines Perioden- beziehungsweise Jahreseffekts.

Damit stehen Alter, Kohorte und Erhebungsjahr in einem deterministischen Zusammenhang: Kennt man zwei dieser Größen, lässt sich die dritte direkt ableiten. Die drei Effekte können daher nicht gleichzeitig ohne weitere Annahmen identifiziert werden (Kasten).

Für die Klimapolitik ist es dennoch zentral zu verstehen, ob beobachtete Unterschiede in den Klimasorgen tatsächlich mit dem Lebensalter zusammenhängen, auf die prägenden Erfahrungen bestimmter Geburtsjahrgänge zurückgehen oder durch spezifische Ereignisse einzelner Jahre bedingt sind. Daraus lassen sich unterschiedliche politische Handlungsimplikationen ableiten.

Klimatische Bedingungen als Indikator für Jahreseffekte

Um den engen Zusammenhang zwischen Alters-, Kohorten- und Jahreseffekten aufzulösen, werden in diesem Bericht zusätzliche Variablen einbezogen, die die Jahreseffekte näher abbilden (Kasten). Dabei handelt es sich um klimatische Bedingungen. Konkret werden die jährliche Durchschnittstemperatur, die Zahl heißer Tage sowie die Zahl der Extremregentage herangezogen, um deren Einfluss statistisch zu isolieren (Abbildung 3).

Im untersuchten Zeitraum von 2009 bis 2023 ist die durchschnittliche Jahrestemperatur von 9,2 auf 10,6 Grad Celsius gestiegen, ein Plus von 1,4 Grad Celsius.infoDer Anstieg der Temperaturen ist ähnlich hoch im Rest Europas, siehe Copernicus Climate Change Service (2024): European State of the Climate 2023 (online verfuegbar) climate.copernicus.eu/ESOTC/2023. Bei dem Erwärmungsziel von 1,5 Grad Celsius des Pariser Klimaschutzabkommens handelt es sich um ein globales Ziel. Allerdings wurde auch im globalen Durchschnitt im Jahr 2024 bereits eine Erwärmung von mehr als 1,5 Grad Celsius im Vergleich zur vorindustriellen Zeit erreicht (siehe Climate Change Service (2026): Global State of Climate 2025 (online verfügbar). Im gleichen Zeitraum hat sich die Zahl heißer Tage (mit Temperaturen von 30 Grad Celsius oder höher) mehr als verdoppelt: von fünf Tagen im Jahr 2009 auf elf Tage im Jahr 2023. Gleichzeitig zeigt diese Zeitreihe erhebliche jährliche Schwankungen, mit einem Maximum von 20 heißen Tagen im Jahr 2018. Lediglich die Zahl der Extremregentage (mit Niederschlagsmengen von mindestens 20 Millimetern pro Tag und Quadratmeter) erweist sich über den Zeitraum als vergleichsweise stabil. In der folgenden Analyse dienen diese Klimamerkmale als Annäherungsgrößen für Jahreseffekte in der Alters-, Kohorten- und Jahresdekomposition.

Die Klimasorgen steigen mit dem Alter

Bereinigt um Kohortenunterschiede und klimatische Bedingungen zeigt sich ein klarer, nahezu linearer Zusammenhang zwischen Alter und Klimasorgen (Abbildung 4). Dieses Ergebnis widerspricht der verbreiteten Annahme, Klimasorgen seien vor allem ein Phänomen bei jüngeren Menschen. Stattdessen nehmen die Klimasorgen mit steigendem Alter kontinuierlich zu.infoDieses Ergebnis bestätigt und verstärkt sogar frühere Ergebnisse des Deutschen Zentrums für Altersfragen, vgl. Mareike Bünning Christine Hagen und Julia Simonson (2024): Wahrgenommene Bedrohung durch den Klimawandel in der zweiten Lebenshälfte. dza-aktuell: Deutscher Alterssurvey, 01/2024. Berlin: Deutsches Zentrum für Altersfragen (online verfügbar). Ausgehend von einem relativ niedrigen Niveau im jungen Erwachsenenalter wachsen die Sorgen über den gesamten Lebensverlauf. Im Vergleich zu 18-Jährigen sind die Klimasorgen der 90-Jährigen im Durchschnitt um circa drei Standardabweichungen höher.infoDie Effektgrößen werden hier in Standardabweichungen (SD) angegeben. Eine Standardabweichung misst die Streuung der Klimasorgen in der Bevölkerung. Ein Effekt von 0,1 SD entspricht einer kleinen Verschiebung innerhalb dieser Verteilung, etwa einer leichten Zunahme der Sorgen im Vergleich zum durchschnittlichen Niveau; 0,2 SD gelten als moderat und 0,5 SD als groß. Diese Skalierung ermöglicht es, Effekte unabhängig von der konkreten Maßeinheit der Klimasorgen vergleichbar zu machen. Personen im Alter von etwa 80 bis 90 Jahren haben damit innerhalb einer Kohorte die durchschnittlich größten Klimasorgen.

Dieses Ergebnis unterscheidet sich damit deutlich von der rein deskriptiven Betrachtung der Altersprofile (Abbildung 2). Während die Rohdaten je nach Jahr eine quer gelegte S-Form nahelegen, zeigt sich nach der statistischen Trennung von Alters-, Kohorten- und Jahreinflüssen ein stabiler und klar interpretierbarer positiver Alterseffekt. Unterschiede zwischen Altersgruppen in den Rohdaten werden teilweise durch Unterschiede zwischen Geburtsjahrgängen oder durch jahresspezifische Einflüsse überlagert.

Eine Hypothese ist, dass ältere Menschen aufgrund längerer Lebenserfahrung Veränderungen der klimatischen Bedingungen mehr wahrnehmen oder stärker mit den potenziellen individuellen gesundheitlichen, aber auch gesellschaftlichen Folgen des Klimawandels konfrontiert sind. Gleichzeitig können sich auch Prioritäten und Risikowahrnehmungen über den Lebensverlauf hinweg verändern.

Klimasorgen nehmen von Geburtsjahrgang zu Geburtsjahrgang zu

Neben Alterseffekten lassen sich auch deutliche Unterschiede zwischen Geburtsjahrgängen beobachten. Nach Kontrolle für Alter und klimatische Bedingungen weisen ältere Kohorten, die in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts geboren wurden, deutlich geringere Klimasorgen auf als die Referenzkohorte (Geburtsjahrgang 1991). Mit jüngeren Geburtsjahrgängen steigen die geschätzten Effekte kontinuierlich und nahezu linear (Abbildung 5).

Eine mögliche Erklärung liegt in der unterschiedlichen Sozialisation: Jüngere Kohorten sind mit dem Klimawandel als präsentem öffentlichem Thema aufgewachsen, während er für ältere Generationen lange kaum Bedeutung hatte. Damit wirken zwei Kräfte gleichzeitig: Klimasorgen steigen sowohl über das Alter als auch über die Kohorten.

Fazit: Steigende Klimasorgen eröffnen Spielraum für ambitionierte Klimapolitik

Die Befunde dieses Wochenberichts legen folgende Schlüsse nahe: Erstens nehmen Klimasorgen seit 2013 in allen Altersgruppen deutlich zu. Dies spricht dafür, dass Ereignisse wie Extremwetter oder gesellschaftliche Mobilisierungsprozesse die Klimasorgen gesamtgesellschaftlich verstärken können. Bemerkenswert ist auch, was der Bericht nicht zeigt: Entgegen dem verbreiteten Eindruck, der Klimawandel sei seit der Corona-Pandemie und der Energiekrise infolge des Ukraine-Kriegs aus dem öffentlichen Fokus gerückt, sind die individuellen Klimasorgen in den vergangenen Jahren nicht zurückgegangen.

Zweitens steigen sowohl Alters- als auch Kohorteneffekte kontinuierlich an. Die verbreitete Einschätzung, Klimasorgen seien primär ein Phänomen jüngerer Menschen, ist damit nur die halbe Wahrheit. Zwar haben jüngere Kohorten im Durchschnitt größere Klimasorgen, doch zeigen die Alterseffekte, dass sich Menschen im Verlauf ihres Lebens mehr Sorgen um den Klimawandel machen. Klimasorgen nehmen also nicht nur über Generationen zu, sondern auch im Verlauf des individuellen Lebens.

Drittens sind die Kohorteneffekte quantitativ bedeutsamer als die Alterseffekte. Setzt man die Streuung der Kohorteneffekte ins Verhältnis zur Streuung der Alterseffekte, variieren Kohorteneffekte um rund 50 Prozent stärker.infoDer Variationskoeffizient der Kohorteneffekte beträgt circa 0,91, der der Alterseffekte circa 0,60. Dies deutet darauf hin, dass die Sozialisation der jeweiligen Generation die klimabezogenen Einstellungen maßgeblich prägt. Jüngere Kohorten wuchsen in einer Zeit auf, in der der Klimawandel ein zentrales gesellschaftliches und politisches Thema war, während der Klimawandel für frühere Kohorten im öffentlichen Diskurs kaum eine Rolle spielte. Die verbleibenden Alterseffekte gehen eher auf lebenszyklusbedingte Unterschiede in Erfahrungshorizonten und Betroffenheit zurück.

Für politische Entscheidungsträger*innen sind diese Ergebnisse höchst relevant. Sie haben mit den bestehenden Klimasorgen günstigere Voraussetzungen für eine ambitionierte, aber gesellschaftlich anschlussfähige Klimapolitik, als derzeit oft vermutet wird.

Die allgemeine Zunahme der Klimasorgen seit 2013 deutet darauf hin, dass klimapolitische Maßnahmen auf breite gesellschaftliche Akzeptanz treffen können – über alle Altersgruppen hinweg. Darüber hinaus legen die ausgeprägten Periodeneffekte nahe, dass Extremwetterereignisse und gesellschaftliche Mobilisierungsprozesse die politische Handlungsbereitschaft gesamtgesellschaftlich erhöhen und damit Zeitfenster für ambitionierte Klimaschutzmaßnahmen eröffnen.

Dies ist besonders bedeutsam für klimapolitische Vorhaben, die unmittelbar Haushalte betreffen – etwa den ab 2027 geplanten europäischen Emissionshandel für Gebäude und Verkehr (EU-ETS 2), die Frage eines sozialen Ausgleichs über ein Klimageld oder den weiteren Ausbau erneuerbarer Energien. Solche Maßnahmen sind politisch nur durchsetzbar, wenn sie von einer breiten Bevölkerungsmehrheit mitgetragen werden. Die vorliegenden Ergebnisse zeigen für den Beobachtungszeitraum bis 2023, dass die Voraussetzungen dafür besser sind, als es die mediale Debatte vermuten lässt. Die Altersprofile verdeutlichen zudem, dass klimapolitische Kommunikation gezielt auch ältere Bevölkerungsgruppen ansprechen sollte – nicht nur die junge Generation, die im öffentlichen Bild der Klimabewegung dominiert. Um klimapolitische Maßnahmen besser auszugestalten und ihre Akzeptanz zu steigern, sollten sich Informations- und Beteiligungsformate zur Ausgestaltung und Akzeptanzsteigerung klimapolitischer Maßnahmen künftig auch stärker an ältere Menschen richten.

Die Dominanz der Kohorteneffekte verweist schließlich auf die besondere Bedeutung der frühen Sozialisation. Da sich Präferenzen in jüngeren Jahren formen und im Lebensverlauf zunehmend verfestigen, ist frühzeitige Aufklärung über die Folgen des Klimawandels – in Schulen, über Lehrpläne hinweg und durch niedrigschwellige Beteiligungsformate für Kinder und Jugendliche – ein langfristiger Hebel, um Einstellungen zum Klimawandel zu prägen.

Einschränkend ist anzumerken, dass Klimasorgen ein Indikator für gesellschaftliche Aufgeschlossenheit gegenüber Klimapolitik sind, aber kein Garant für die Unterstützung einzelner konkreter Maßnahmen. Ob sich die beobachtete Sorge um den Klimawandel in politische Unterstützung für spezifische Instrumente übersetzt, hängt von deren Ausgestaltung ab – insbesondere von Fragen der kurzfristigen Gesamtkosten und der Verteilung der gesellschaftlichen Lasten.

Laura Schmitz

Wissenschaftlerin Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt

Franziska Holz

Stellvertretende Abteilungsleiterin Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt

Themen: Klimapolitik



JEL-Classification: D91;I31;J11;Q54
Keywords: Socio-economic panel, climate change, climate change concern, public opinion, age period cohort model
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2026-19-4


Die Publikation ist gemäß der Creative-Commons-Lizenz CC-BY-4.0 nachnutzbar: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/

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