Klare Rahmenbedingungen für EU-PV-Hersteller jetzt umsetzen: Interview

DIW Wochenbericht 23 / 2026, S. 350

Thibault Deletombe, Erich Wittenberg

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Herr Deletombe, welche Bedeutung hat die Photovoltaik-Branche für die Versorgung Europas mit CO₂-freier Energie? Strom aus Photovoltaik (PV) ist für die Erreichung unserer Dekarbonisierungsziele von großer Bedeutung. Im Jahr 2023 machte PV-Strom 12,5 Prozent des deutschen Stroms aus, 2024 betrug sein Anteil schon 14,5 Prozent. Zudem liegen die Stromgestehungskosten einer PV-Anlage in Deutschland lediglich zwischen vier und fünf cent/kWh. Angesichts der derzeitigen weltweiten Unsicherheit bei den Energiepreisen ist dies von großem Wert.

Vor welchen Herausforderungen steht die PV-Branche in Europa? Erstens konzentriert sich die PV-Wertschöpfungskette auf China, das über den Großteil der weltweiten Produktionskapazitäten verfügt. Diese Konzentration hat erhebliche Skaleneffekte ermöglicht, wodurch die Kosten für Solarmodule gesenkt wurden. Allerdings hat sie auch die Widerstandsfähigkeit der Wertschöpfungskette geschwächt. So stiegen beispielsweise Anfang 2022 die Preise für Solarmodule in Europa aufgrund von Handelsbeschränkungen infolge der Gesundheitskrise sprunghaft an. Die zweite Herausforderung ist die Überkapazität. Im Jahr 2024 erreichte die Produktion von PV-Modulen nur die Hälfte der weltweiten Produktionskapazitäten für PV-Module. Diese Situation drückt die Preise für PV-Module nach unten und birgt das Risiko, dass verbleibende Produktionskapazitäten stillgelegt werden und keine neuen Investitionen in die europäische Fertigung getätigt werden.

Wie können in Europa produzierte Solar-Module diesen Wettbewerbsnachteil aufholen? In der aktuellen Situation werden chinesische Solarmodule weiterhin einen Kostenvorteil haben. Europäische Hersteller können diese Kostendifferenz jedoch ausgleichen, wenn sie ihre Produktion ausweiten und innovativ vorgehen. Wenn jedoch nicht rasch Maßnahmen ergriffen und klare Rahmenbedingungen geschaffen werden, wird diese Option in naher Zukunft nicht mehr zur Verfügung stehen.

Der Net Zero Industry Act (NZIA) und der Industrial Accelerator Act (IAA) zielen darauf ab, Nachfrage nach europäischen PV-Produkten zu schaffen. Wie soll das erreicht werden? Die NZIA und die IAA wollen nicht preisbezogene Kriterien in Förderprogramme für Photovoltaik einführen. So sollen beispielsweise der CO₂-Fußabdruck des Solarmoduls oder dessen Energieeffizienz als Kriterien für die Gewährung von Steuervergünstigungen oder Punkten bei Auktionen für erneuerbare Energien herangezogen werden. Daher sind Auktionen für erneuerbare Energien derzeit das wichtigste politische Instrument zur Förderung des Ausbaus erneuerbarer Energien. Projektentwickler reichen Angebote mit den Spezifikationen ihrer PV-Projekte ein und die Gewinnerangebote erhalten einen Vertrag, der langfristige Strompreise sichert. Der IAA-Vorschlag vom März führt „Made-in-EU“-Kriterien ein, die technologische Komponenten begünstigen, die in der EU oder in Ländern hergestellt wurden, die ein Freihandelsabkommen mit der EU haben.

Wie schätzen Sie die Erfolgschancen der Förderprogramme von NZIA und IAA ein? Derzeit können die EU-Mitgliedstaaten auf nationaler Ebene unterschiedliche nicht preisbezogene Kriterien anwenden, um die Branche der erneuerbaren Energien zu fördern. Infolgedessen hat dasselbe Solarmodul in verschiedenen Ländern unterschiedliche Werte. Diese regulatorische Fragmentierung führt zu einem fragmentierten Markt. Eine Harmonisierung der Anwendung nicht preisbezogener Kriterien auf nationaler Ebene würde es ermöglichen, die Größe des Binnenmarktes zu nutzen, den Wettbewerb anzukurbeln und europäischen Herstellern eine Skalierung zu ermöglichen.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

O-Ton von Thibault Deletombe
Klare Rahmenbedingungen für EU-PV-Hersteller jetzt umsetzen - Interview von Thibault Deletombe

Thibault Deletombe

Wissenschaftler Abteilung Klimapolitik


DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2026-23-2


Die Publikation ist gemäß der Creative-Commons-Lizenz CC-BY-4.0 nachnutzbar: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/

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