DIW Wochenbericht 23 / 2026, S. 352
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Was wird künstliche Intelligenz mit unseren Arbeitsplätzen machen? Die Ängste sind groß. Doch wer genau hinschaut, kommt zumindest mit Blick auf die nahe Zukunft zu einem differenzierteren Bild: KI wird unseren Arbeitsmarkt zwar grundlegend verändern, aber wir werden wohl viele Entscheidungen noch immer selbst in der Hand haben. Die gute Nachricht ist: In den nächsten etwa fünf Jahren muss KI erstmal nicht zu Massenarbeitslosigkeit führen, die Gesamtzahl der Arbeitsplätze könnte weitgehend konstant bleiben. KI führt primär zu einem Umbruch – gefragt sind künftig andere Tätigkeiten und Kompetenzen, aber nicht weniger Arbeit. In einem Land mit über einer Million unbesetzter Stellen und einer alternden Bevölkerung könnte KI sogar zur demografischen Entlastung werden.
Doch die entscheidende Frage ist nicht, ob es insgesamt genug Jobs geben wird – sondern für wen. Und hier wird es verteilungspolitisch brisant. Eine DIW-Studie zeigt ein klares Muster: Sowohl frauendominierte Berufe wie die Pflege als auch männerdominierte Tätigkeiten wie das Bauwesen gehören zu den Bereichen, die von der KI-Transformation zunächst vergleichsweise wenig betroffen sind. Dort dominieren physische und zwischenmenschliche Tätigkeiten, die generative KI (noch) nicht ersetzen kann. Am stärksten betroffen sind vor allem Mischberufe wie Buchhaltung, Marketing und Finanzwesen. Unter dem Strich sind dennoch tendenziell mehr Frauen betroffen, weil sie häufiger in Büro- und Verwaltungstätigkeiten arbeiten.
Die zweite Verteilungsdimension betrifft die Einkommen. Die Forschung zeigt: KI trifft nicht in erster Linie Geringverdiener*innen wie frühere Automatisierungswellen, sondern vor allem die Mitte. Eine OECD-übergreifende Studie zeigt, dass höhere KI-Adoption bei Beschäftigten im oberen Einkommensquintil mit Lohngewinnen einhergeht, während Beschäftigte in der Mitte leichte Lohnverluste erleiden könnten. Ungleichheit entsteht also abhängig davon, ob Menschen KI nutzen können oder von ihr ersetzt werden. KI kann viele technische Routinetätigkeiten in Bürojobs gut übernehmen, etwa Analyse, Dokumentation, Recherche oder Programmierung. Schwerer fällt ihr, was Menschen ausmacht: Empathie, Kreativität und Urteilsfähigkeit im Kontext.
Die dritte und vielleicht überraschendste Dimension betrifft Qualifikation und Erfahrung. Entgegen der Annahme, Geringqualifizierte seien am stärksten bedroht, zeigt die Forschung der Stanford University auf Basis von Millionen US-Gehaltsdaten: Es sind gerade junge Akademiker*innen, die bereits jetzt messbar betroffen sind. Beschäftigte zwischen 22 und 25 Jahren in KI-exponierten Berufen verzeichnen seit Ende 2022 einen Beschäftigungsrückgang von bis zu 16 Prozent. Gleichzeitig wächst die Beschäftigung erfahrener Arbeitnehmer*innen in denselben Berufen. Der Grund: KI kann Wissen automatisieren, aber nicht Erfahrung. Was die Studie aber nicht zeigt: Auch ältere Beschäftigte sind verletzlich. Ihre Anpassungsfähigkeit an neue Technologien ist geringer, Umschulungen rechnen sich über eine kürzere verbleibende Berufszeit weniger, und Unternehmen investieren weniger in die Weiterbildung von Beschäftigten kurz vor der Rente.
Soweit das positive Szenario für die nächsten fünf Jahre. Klar ist jedoch, dass der fortlaufende technologische Fortschritt im Bereich der KI langfristig fast jeden Menschen im Arbeitsleben ersetzbar machen könnte. Dennoch ist die KI-Revolution keine Naturkatastrophe. Sie ist ein Werkzeug, dessen Wirkung von unseren Entscheidungen abhängt. Über die nächsten zehn Jahre sind deshalb drei Dinge entscheidend. Erstens: Kompetenzen, mit KI zu arbeiten oder das zu tun, was KI (noch) nicht kann. Zweitens: Flexibilität. Beschäftigte brauchen Unterstützung, sich im Berufsleben mehrfach neu zu orientieren. Und drittens: Regeln. Wir brauchen einen Rahmen, der sicherstellt, dass die Produktivitätsgewinne verteilt werden, etwa durch klare Regeln und eine faire Besteuerung.
Dieser Kommentar ist in einer längeren Version am 22. Mai 2026 zuerst online bei Die Zeit erschienen.
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2026-23-3
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