DIW Wochenbericht 32 / 2026, S. 488
Thilo Kroeger, Erich Wittenberg
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Herr Kroeger, wie viele Industriearbeitsplätze gingen in den letzten Jahrzehnten in Deutschland verloren? In unserer Studie kommen wir auf etwa 1,5 Millionen verlorene Industriearbeitsplätze im Zeitraum von 1975 bis 2019. Dabei handelt es sich allerdings spezifisch um Arbeitsplätze in der Industrie, in denen auch produktionsnahe Tätigkeiten ausgeführt wurden.
Sie klassifizieren in Ihrer Studie die Beschäftigten nach Ihrem Beruf und nicht nach der Branche. Welchen Unterschied macht das bei der Analyse des Strukturwandels in Deutschland? Wir stellen fest, dass diese Unterscheidung recht wichtig ist. Aus der Perspektive der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer betrachtet, ist der Beruf wesentlich wichtiger als die Branche, in der sie arbeiten. Wenn wir insbesondere im Strukturwandel Personen betrachten, die einen produktionsnahen Beruf haben, stellen wir fest, dass der Rückgang von Arbeitsplätzen gesamtwirtschaftlich wesentlich weniger stark ausgeprägt ist, als wenn man rein auf Arbeitsplätze in der Industrie abstellen würde.
Also ändert sich diese Zahl von 1,5 Millionen Arbeitsplätzen durch diese andere Berechnung noch einmal? Richtig. Während in der Industrie etwa 1,5 Millionen Arbeitsplätze abgebaut wurden, sind in Unternehmen des Dienstleistungssektors in etwa eine Million Arbeitsplätze für Berufe mit ähnlichen Tätigkeiten hinzugekommen. Deswegen ist der Nettoverlust von produktionsnahen Arbeitsplätzen etwa zwei Drittel geringer und liegt nur bei ungefähr einer halben Million über diesen Zeitraum von 45 Jahren.
Ist bei einem Wechsel von einem Produktionsberuf in einen Dienstleistungsberuf mit einem Einkommensverlust zu rechnen? Grundsätzlich ist bei jedem nicht freiwillig getätigten Arbeitsplatzwechsel mit Einkommensverlusten zu rechnen, insbesondere weil wir uns für die Identifikation dieser Lohneffekte Massenentlassungen anschauen, die unabhängig von den einzelnen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern sind. Wir stellen dabei fest, dass wenn tatsächlich ein Wechsel von einem produktionsnahen Beruf zu einem Dienstleistungsberuf stattfindet, der Lohn um bis zu 30 Prozent niedriger sein kann. Allerdings hängt das auch damit zusammen, in welcher Branche man danach wieder arbeitet.
Wie disruptiv ist der Strukturwandel in Deutschland? Ist er vielleicht weniger verhängnisvoll, als er vielfach dargestellt wird? Da muss man ein bisschen über den Bericht hinaus schauen. Grundsätzlich gilt, dass wenn man auf die rein zahlenmäßige Beschäftigung in der Industrie abstellt, der Strukturwandel relativ disruptiv ist. Wenn man aber die Individuen betrachtet oder versucht, sie besser zu betrachten, beispielsweise über die Berufe, die die Personen haben, dann stellt man fest, dass der Strukturwandel wesentlich weniger disruptiv ist, einfach weil auch im Dienstleistungssektor solche produktionsnahen Berufe oder Tätigkeiten benötigt und relativ ähnlich entlohnt werden.
Welche arbeitsmarktpolitische Bedeutung haben Ihre Ergebnisse? Aus unserer Sicht ist für arbeitsmarktpolitische Maßnahmen wichtig, dass man auf die Berufe, auf die erlernten Tätigkeiten, sowie auf das Wissen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer abstellt und eben nicht auf die Branchen, die im Strukturwandel schrumpfen und in deren Arbeitsplätze abgebaut werden. Das heißt, man sollte nicht versuchen, Branchen und Arbeitsplätze in Branchen zu erhalten, sondern man sollte versuchen, die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in ähnliche Berufe mit ähnlichen Tätigkeiten weiterzuvermitteln, unabhängig davon, welche Branchen das sind. Das kann dann auch im Dienstleistungssektor sein.
>Themen: Verteilung, Verkehr, Industrie, Arbeit und Beschäftigung
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2026-32-2
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