Sorge vor höheren CO2-Preisen greift zu kurz: Interview

DIW Wochenbericht 34 / 2026, S. 516

Sonja Dobkowitz, Erich Wittenberg

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Frau Dobkowitz, eine hohe CO2-Steuer könnte, gerade in schwierigen Zeiten, die Wirtschaft belasten. Sie plädieren dennoch für eine Anhebung der CO2-Steuer. Warum? Die Belastung der Wirtschaft ist eine weit verbreitete Sorge. Ich argumentiere, dass sie zu kurz greift, denn ein höherer CO₂- Preis ist keine reine Belastung, sondern auch eine Investition in die Produktivität von morgen. Der Grund liegt bei der Arbeit. Über Arbeit baut eine Volkswirtschaft Wissen auf, das morgen produktiv wird. In einer klimaneutralen Wirtschaft entsteht die relevante Produktivität mit umweltfreundlichen Technologien. Hier können wir Expertise, also Wissen, nur dann aufbauen, wenn wir heute mit diesen Technologien arbeiten, und ein höherer CO₂- Preis lenkt die Arbeit in diesen grünen Bereich.

Warum ist es nach Ihrer Modellrechnung notwendig, im Gegenzug die Einkommensteuer zu senken? Grundsätzlich will man den Arbeitseinsatz hochhalten, um die Produktivität zu steigern. Eine Senkung der Einkommensteuer schafft stärkere Arbeitsanreize als eine pauschale Rückverteilung der Einnahmen aus der CO₂-Steuer. Aus der Perspektive des Modells ist eine Senkung der Einkommensteuer also wünschenswert, da sie den Nettolohn anhebt und so das Arbeitsangebot hochhält.

Geringverdienende zahlen in Deutschland nur sehr wenig oder unter Umständen gar keine Einkommensteuer, werden aber durch eine höhere CO2-Steuer belastet. Müsste diese Personengruppe zusätzlich entlastet werden? Das ist eine sehr wichtige Frage, und die Antwort ist ja. Andere Studien zeigen, dass CO₂-Preise untere Einkommen stärker belasten, da braucht es also eine gezielte Entlastung. Das halte ich auf jeden Fall für richtig, nur ist das eine Frage, die meine Studie nicht beantworten kann. Das hier verwendete Modell geht von einen durchschnittlichen Haushalt aus, der die Verteilung der Einkommen nicht abbildet.

Ihre Modellrechnung stützt sich auf Daten aus den USA. Inwieweit sind Ihre Ergebnisse auch auf Deutschland zu übertragen? Richtig, die konkreten Zahlen gelten für die USA und lassen sich nicht eins zu eins auf Deutschland übertragen. Was sich aber übertragen lässt, ist der zentrale Mechanismus, der auf drei Punkten beruht. Das ist erstens, dass Arbeit über Erfahrung Produktivität aufbaut, zweitens, dass Menschen weniger arbeiten, wenn der Nettolohn sinkt, und drittens, dass sich der Staat nur über Steuern finanzieren kann, die das Arbeitsangebot der Haushalte verzerren. Diese drei Dinge gelten in jeder Volkswirtschaft, die CO2-Emissionen in einem fiskalpolitischen System senken muss.

Für wie realistisch halten Sie es, dass die Ergebnisse Ihrer Studie tatsächlich umgesetzt werden? Ob meine Studie umgesetzt wird, kann und will ich nicht prognostizieren. Das ist eine politische Frage und keine wissenschaftliche. Ich sehe meine Aufgabe darin, Gründe und Argumente zu diskutieren und auf den Tisch zu bringen, die hier zu einer Antwort führen können. Was ich sagen kann, ist, dass die CO₂-Bepreisung aktuell sowohl auf nationaler als auch auf EU-Ebene gebremst wird. Deshalb diskutiere ich hier einen Mechanismus, der dafür sprechen würde, eine andere Politik zu fahren, nämlich durch höhere CO₂-Preise die Produktivität von morgen zu sichern. Gerade aufgrund dieses Widerspruchs zur aktuellen Politik finde ich es wichtig, dieses Argument in die Debatte einzubringen. Ein niedriger CO2-Preis ist nicht kostenlos, sondern verzichtet auf den Aufbau künftiger Produktivität. Ob das am Ende überzeugt, entscheidet die Politik.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

O-Ton von Sonja Dobkowitz
Sorge vor höheren CO2-Preisen greift zu kurz - Interview mit Sonja Dobkowitz

Sonja Dobkowitz

Wissenschaftlerin Abteilung Makroökonomie


DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2026-34-2


Die Publikation ist gemäß der Creative-Commons-Lizenz CC-BY-4.0 nachnutzbar: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/

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