Resilienz und Exporte geben deutscher Wirtschaft Grund zur Hoffnung: Editorial

DIW Wochenbericht 36 / 2026, S. 533-534

Marcel Fratzscher

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Nach einer langen Durststrecke gibt es nun endlich erste Anzeichen für eine Erholung der deutschen Wirtschaft. Nach einem überraschend starken zweiten Quartal könnte die deutsche Wirtschaft 2026 um 1,2 Prozent wachsen und damit mehr als doppelt so stark wie noch vor drei Monaten angenommen. Trotzdem ist Vorsicht geboten. Eine Trendwende in der wirtschaftlichen Dynamik ist nicht garantiert, sondern angesichts einer äußerst schwierigen geopolitischen Lage nach wie vor höchst unsicher.

Die wirtschaftliche Dynamik in Deutschland hat nicht nur im ersten, sondern nun auch im zweiten Quartal 2026 deutlich positiv überrascht. Anstelle eines leichten Schrumpfens konnte die deutsche Volkswirtschaft im zweiten Quartal um 0,3 Prozent zulegen. Die deutlich bessere Entwicklung geht auf zwei Faktoren zurück: die weniger stark gestiegenen Energiekosten und die stärkere Exportleistung der deutschen Volkswirtschaft.

Dass Deutschland weniger stark vom Krieg im Mittleren Osten getroffen wurde als zunächst angenommen, geht auf zwei Faktoren zurück: Zum einen lagen die Energiepreise Ende August 2026 knapp zehn Prozent unter denen, die die Märkte noch vor drei Monaten prognostiziert hatten. Dies hilft vor allem der energieintensiven deutschen Industrie. Der zweite Grund ist die gute Fähigkeit der deutschen Industrie, sich ein Stück weit aus der hohen Abhängigkeit von einzelnen Energielieferanten zu lösen.

Diese Resilienz der deutschen Industrie zeigt sich auch in anderen Bereichen. So gibt es erste Anzeichen dafür, dass sich die Produktion des Verarbeitenden Gewerbes aktuell stabilisiert. Allerdings zeigen sich dabei große Unterschiede zwischen den Sektoren. Vor allem die Automobilbranche befindet sich noch immer in einem Schrumpfungsprozess. Positiv ist die Entwicklung dagegen in zahlreichen Dienstleistungssektoren, vor allem bei Pflege und Gesundheit, wo die Nachfrage demografiebedingt weiter deutlich steigt.

Die zweite Erklärung für die deutlich bessere wirtschaftliche Entwicklung ist die Stärke der Exporte. Anstatt zu schrumpfen, sind die deutschen Exporte im zweiten Quartal um 2,0 Prozent gestiegen, nach einer bereits positiven Entwicklung im ersten Quartal. Die stärkeren Exporte der Chemie, der metallverarbeitenden Industrie und von Vorleistungen für Datenzentren können allerdings nur einen begrenzten Teil dieser positiven Dynamik erklären.

Da die öffentlichen Statistiken nicht ausreichend detailliert sind, bleibt die Frage offen, in welchem Maße die Exporte von Rüstungsgütern – die häufig der Vertraulichkeit unterliegen – einen Beitrag zu dieser Dynamik geleistet haben. Zudem ist die positive Exportdynamik vor allem durch Exporte nach Europa zu erklären, wohingegen sich die Exporte in die USA oder nach China nicht positiv entwickelt haben.

Eine zentrale Frage ist, ob sich diese positive Dynamik auch im zweiten Halbjahr und 2027 fortsetzen wird. Vieles deutet darauf hin, dass die hohe Resilienz und die positiven Nachfrageeffekte aus der Weltwirtschaft auch in den kommenden zwei Jahren anhalten werden. Dies erklärt die deutliche Anhebung unserer Wachstumsprognose auf 1,2 Prozent für 2026 und auch die leichte Anhebung der Wachstumsrate auf 1,0 Prozent für 2027. Auch für 2028 sehen wir noch immer ein Wachstum von 0,7 Prozent – was deutlich über dem mittelfristigen Potenzialwachstum der deutschen Volkswirtschaft liegt.

Der wichtigste Beitrag zur wirtschaftlichen Dynamik in den kommenden zwei Jahren bleiben jedoch die öffentlichen Ausgaben für Konsum und Investitionen. Nicht nur die demografiebedingt steigenden Staatsausgaben für Pflege, Gesundheit und Rente leisten einen positiven Beitrag, sondern auch der Anstieg der öffentlichen Investitionen in Infrastruktur und der Ausgaben für Verteidigung. Ungefähr die Hälfte des Wachstums in diesem Jahr – 0,6 Prozentpunkte von 1,2 Prozent – ist durch öffentlichen Konsum und öffentliche Investitionen zu erklären.

Die größte Kehrseite der wirtschaftlichen Entwicklung ist und bleibt die private Binnennachfrage. Die privaten Investitionen entwickeln sich nach wie vor nur moderat und sind deutlich zu gering, um eine stärkere Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit und Innovationsfähigkeit der deutschen Wirtschaft zu gewährleisten. Auch der private Konsum entwickelt sich nur schleppend, trotz einer besser als erwarteten Lohndynamik in diesem Jahr. Die Beschäftigung dürfte erneut sinken und die Arbeitslosigkeit bis Ende des Jahres leicht zulegen, vor allem wegen der Arbeitsplatzverluste in der Industrie.

Als Fazit lässt sich festhalten, dass die wirtschaftliche Dynamik in Deutschland positiv überrascht. Wir könnten nun eine Trendwende hin zu einem stärkeren Wachstum in den kommenden zwei Jahren erleben. Trotzdem ist Vorsicht geboten. Einerseits, weil die globalen Unsicherheiten nach wie vor enorm sind: Eine Eskalation des Kriegs im Mittleren Osten mit steigenden Energiekosten, eskalierende Handelskonflikte und politische Unsicherheit in Deutschland könnten sich erneut negativ auf die deutsche Wirtschaft auswirken. Trotzdem gibt es Anlass zu vorsichtigem Optimismus, dass die Erholung der deutschen Volkswirtschaft nun endlich greift und nicht erneut enttäuscht.

Themen: Konjunktur


DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2026-36-1


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