Gewerkschaften müssen sich neu erfinden

Blog Marcel Fratzscher vom 4. Mai 2026

Mehr Lohn und sichere Jobs: Mit diesen Forderungen sind Gewerkschaften in der KI-Ära überfordert. Damit sie überleben, muss sich ihr Kerngeschäft radikal ändern.  

Am 1. Mai gehen Millionen Menschen auf die Straße. Das Motto des Deutschen Gewerkschaftsbunds lautet in diesem Jahr: »Erst unsere Jobs, dann eure Profite.« Der Impuls dahinter ist richtig und verständlich. Denn der wirtschaftliche Wandel, den Deutschland und die übrigen westlichen Volkswirtschaften gerade erleben, ist tiefgreifend und bedrohlich zugleich. Künstliche Intelligenz, Automatisierung und Digitalisierung verändern die Arbeitswelt in einem Tempo, das viele überfordert. Hunderttausende Arbeitsplätze in der Industrie und im Dienstleistungssektor stehen unter Druck. 

Aber reicht dieser Ruf aus? Genügt es, wenn Gewerkschaften wie bisher vor allem auf höhere Löhne und sichere Arbeitsplätze setzen? Verlangt der technologische Umbruch nicht eine grundlegende Neuorientierung dessen, was Gewerkschaften fordern, verhandeln und verkörpern? Die ehrliche Antwort lautet: Gewerkschaften müssen sich neu erfinden. Nicht weil sie in der Vergangenheit gescheitert wären, sondern weil der Wandel so fundamental ist, dass die alten Instrumente der Tarifpolitik nicht mehr ausreichen und sogar kontraproduktiv werden können.

Diese Kolumne von Marcel Fratzscher erschien am 1. Mai 2026 in der ZEIT in der Reihe Fratzschers Verteilungsfragen.

Das deutsche Modell der Mitbestimmung ist international einzigartig. Arbeitnehmervertretungen sitzen in den Aufsichtsräten großer Unternehmen, sie tragen unternehmerische Verantwortung, sie denken strategisch mit. Dieses Modell war lange ein Wettbewerbsvorteil. Gewerkschaften haben zudem eine entscheidende politische Funktion: Sie stellen sicher, dass die Interessen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in einer Gesellschaft, in der wirtschaftliche und politische Macht oft ungleich verteilt ist, Gehör finden. Ohne diese Rolle der Gewerkschaften gäbe es stärker polarisierte Arbeitsmärkte, höhere Ungleichheit und weniger betriebliche Demokratie. 

Die Grenzen des alten Modells

Doch das gewerkschaftliche Kerngeschäft der vergangenen Jahrzehnte – Löhne aushandeln, Arbeitszeiten schützen, Kündigungsschutz sichern – greift zu kurz, wenn es darum geht, die Interessen der Beschäftigten in einer radikal veränderten Arbeitswelt zu vertreten. Das liegt nicht an mangelndem Engagement, sondern an einem strukturellen Problem: Die größten Risiken, denen Beschäftigte heute gegenüberstehen, lassen sich nicht mehr allein durch Lohnerhöhungen oder temporäre Arbeitsplatzgarantien auffangen.

Menschen erwarten heute weit mehr von ihrer Arbeit als einen guten Lohn, das zeigt auch die empirische Forschung. Sie wollen sinnstiftende Aufgaben, Möglichkeiten zur Weiterentwicklung, Gesundheit und Wohlbefinden am Arbeitsplatz, Autonomie und Selbstbestimmung, soziale Einbindung und Anerkennung. Gute Arbeit im 21. Jahrhundert bedeutet mehr als die Summe aus Lohnzettel und Stundenplan.

Wer heute in der Logistik, im Einzelhandel oder in der Verwaltung arbeitet, weiß: Algorithmen entscheiden zunehmend über Schichtpläne, Leistungsbewertungen, ja sogar über Entlassungen. Generative KI-Systeme übernehmen Aufgaben in der Rechts- und Steuerberatung, in der Medizin, im Journalismus und in der Softwareentwicklung, die noch vor fünf Jahren als nicht automatisierbar galten. Der Internationale Gewerkschaftsbund schätzt, dass algorithmisches Management heute in zahlreichen Branchen bereits weitverbreitet ist – oft ohne Transparenz, ohne Mitsprache, ohne Kontrollmechanismen für die Betroffenen. Hier liegt die eigentliche Herausforderung. Hier liegt aber auch die eigentliche Chance. 

Fünf Aufgaben für Gewerkschaften im Zeitalter der KI

Was also müssen Gewerkschaften heute ändern? Erstens müssen sie Qualifizierung als Kernaufgabe begreifen. Die wissenschaftliche Literatur ist eindeutig: Der technologische Wandel vernichtet zumindest mittelfristig keine Arbeit per se, aber er verändert radikal, welche Fähigkeiten gebraucht werden. Beschäftigte, die lernbereit sind und die neuen Technologien nutzen können, profitieren; diejenigen, die abgehängt werden, verlieren. Gewerkschaften müssen daher Qualifizierung und lebenslanges Lernen ins Zentrum ihrer Tarifverhandlungen stellen – nicht als Randthema, sondern als genauso hartes Verhandlungsziel wie Lohn und Urlaub. Konkrete Ansprüche auf Weiterbildung sollten in jedem modernen Tarifvertrag verankert sein.

Zweitens müssen Gewerkschaften für Mitbestimmung beim KI-Einsatz kämpfen. Studien, etwa vom DIW Berlin, zeigen: Wie KI im Betrieb eingesetzt wird, hängt entscheidend davon ab, ob Arbeitnehmervertretungen frühzeitig einbezogen werden. Gewerkschaften müssen die technologische Kompetenz aufbauen, um auf Augenhöhe zu verhandeln. Tarifverträge müssen künftig klare Standards für Transparenz, Erklärbarkeit und Anfechtbarkeit algorithmischer Entscheidungen im Betrieb festschreiben.

Gewerkschaften müssen auch Nicht-Angestellte vertreten

Drittens muss die Vertretung auf neue Arbeitsformen ausgeweitet werden. Plattformarbeit, Solo-Selbstständigkeit und projektbasierte Beschäftigung wachsen. Millionen von Beschäftigten in Deutschland arbeiten heute in Verhältnissen, in denen klassische Gewerkschaftsstrukturen nicht greifen – weil kein fester Betrieb existiert, weil Beschäftigte formal als Unternehmer oder Unternehmerin gelten oder weil die digitale Infrastruktur gezielt Arbeitsverhältnisse fragmentiert. Gewerkschaften müssen neue Organisationsmodelle entwickeln, die auch diese Gruppen einschließen. Andernfalls werden sie zur Interessenvertretung einer schrumpfenden Stammbelegschaft, während die wachsenden Gruppen des Arbeitsmarktes schutzlos bleiben. 

Beschäftigte sollten an KI-Gewinnen beteiligt werden

Viertens müssen Gewerkschaften dafür sorgen, dass Produktivitätsgewinne gerecht verteilt werden. Denn viele Ökonom*innen gehen davon aus, dass KI die Produktivität in zahlreichen Sektoren deutlich steigern wird, auch wenn unklar ist, wann genau diese Effekte eintreten. Die zentrale Verteilungsfrage lautet: Wer profitiert von diesen Gewinnen? Historisch haben technologische Produktivitätssprünge keineswegs automatisch zu höheren Löhnen geführt. Im Gegenteil: Die lohnpolitische Entwicklung der vergangenen drei Jahrzehnte zeigt, dass Kapitaleinkommen deutlich stärker gewachsen sind als Arbeitseinkommen. Gewerkschaften sollten deshalb aktiv Modelle entwickeln, die Beschäftigte an den Erträgen der KI beteiligen – sei es durch Gewinnbeteiligungen, Fonds-Modelle oder neue Formen der Unternehmenspartizipation. 

Die Sinn-Frage ist keine Zusatzfrage

Fünftens müssen sie, die Gewerkschaften, gute Arbeit ganzheitlich definieren. Gesundheit, psychisches Wohlbefinden, Sinnhaftigkeit und Autonomie sind keine weichen Zusatzthemen. Sie sind die Grundlage produktiver und nachhaltiger Wirtschaft. Die steigende Zahl psychischer Erkrankungen kostet Deutschland jährlich mehrere Milliarden Euro an Produktivitätsverlusten. Gewerkschaften sollten diese Dimensionen stärker in ihre Forderungen übersetzen und dabei Forschungserkenntnisse zu Arbeitsbedingungen, Führungsqualität und Belastungsgrenzen systematisch einbringen. 

Wer sich nicht wandelt, verliert

Gewerkschaften, die sich nicht transformieren, werden schrumpfen – nicht nur als Mitgliederorganisationen, was sie bereits seit Jahrzehnten tun, sondern als gesellschaftliche Kraft. Gewerkschaften beziehen ihre Legitimation nicht nur daraus, dass sie die Interessen der Beschäftigten wirksam vertreten, sondern auch daraus, dass sie gesellschaftlichen Fortschritt fördern und politische Stabilität stärken. Das können sie nicht einhalten, wenn ihre Kernforderungen an einer Arbeitswirklichkeit vorbeizielen, die KI und Digitalisierung täglich tiefgreifender verändern.

Das bedeutet nicht, dass Lohnpolitik und Arbeitszeitschutz unwichtig wären. Sie bleiben wichtig. Aber sie sind nicht mehr hinreichend. Der Tag der Arbeit am 1. Mai sollte deshalb nicht nur der Anlass sein, den Status quo zu verteidigen. Er sollte der Anlass sein, selbstbewusst zu fragen: Wie muss Gewerkschaftsarbeit aussehen, damit sie in zehn oder zwanzig Jahren noch relevant ist? Die Antwort liegt nicht in der Nostalgie, sondern in der Bereitschaft, die eigene Rolle ebenso mutig zu transformieren, wie es Gewerkschaften von den Unternehmen erwarten.

keyboard_arrow_up