Staatskonsum stabilisiert die Wirtschaft kurzfristig, Steuersenkungen wirken stärker, aber verzögert

Pressemitteilung vom 15. Juli 2026

Finanzpolitischer Kurswechsel umfasst neben Sondervermögen und gelockerter Schuldenbremse auch steuerliche Entlastungen – Wirkung der Instrumente ist entscheidend, sie sollten gezielt kombiniert werden – Ein zusätzlicher Euro Staatskonsum erhöht das BIP kurzfristig um rund einen Euro – Eine Steuersenkung um einen Euro steigert das BIP mittelfristig um rund 1,80 Euro

Mit der Reform der Schuldenbremse und dem Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität hat Deutschland seine fiskalischen Handlungsspielräume 2025 erheblich vergrößert. Die erweiterten Möglichkeiten können nicht nur für öffentliche Investitionen genutzt werden, sondern erlauben auch einen höheren Staatskonsum. Zugleich hat die Bundesregierung mit steuerlichen Entlastungen für Unternehmen und private Haushalte einnahmenseitige Impulse auf den Weg gebracht. Da all diese Instrumente um denselben begrenzten Spielraum konkurrieren, kommt es darauf an, mit welchem Ansatz ein zusätzlicher Euro die größte Wirkung erzielt. Eine Studie der Abteilung Makroökonomie im Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) nimmt zwei dieser Instrumente in den Blick – den Staatskonsum und die Steuern. Ein zusätzlicher Euro Staatskonsum erhöht das Bruttoinlandsprodukt (BIP) kurzfristig um etwa einen Euro, wobei die maximale Wirkung bereits innerhalb eines Jahres erreicht wird. Steuersenkungen wirken langsamer, entfalten mittelfristig aber stärkere Effekte. Eine Entlastung um einen Euro lässt das BIP nach rund zwei Jahren um etwa 1,80 Euro steigen. Grundlage sind vierteljährliche Daten für Deutschland von 1991 bis 2025, ausgewertet mit einem Modell, das theoretische Erkenntnisse und institutionelle Besonderheiten des deutschen Fiskalsystems systematisch nutzt.

© DIW Berlin

„Der finanzpolitische Kurswechsel schafft Möglichkeiten für zusätzliche öffentliche Investitionen, Staatskonsum und Steuersenkungen zugleich“, sagt Studienautor Ruben Staffa, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung Makroökonomie.  „Weil diese Instrumente um dieselben Mittel konkurrieren, kommt es darauf an, welches wann eingesetzt wird. Staatskonsum stützt die Konjunktur rasch, steuerliche Entlastungen entfalten mittelfristig die stärkere Wirkung.“

Die Ergebnisse beziehen sich auf kurzfristige bis mittelfristige gesamtwirtschaftliche Wirkungen über einen Zeitraum von wenigen Jahren. Aussagen über langfristige Wachstumseffekte, die Tragfähigkeit höherer Staatsverschuldung oder mögliche spätere Gegenwirkungen fiskalischer Maßnahmen lassen sich daraus nicht ableiten. Die Studie untersucht zudem konjunkturelle Effekte bestehender fiskalischer Instrumente und nicht die langfristigen Folgen eines dauerhaft veränderten finanzpolitischen Kurses.

Staatskonsum wirkt schnell, aber ohne wesentliche Verstärkung

Unter Staatskonsum fallen die laufenden Ausgaben des Staates – vor allem für Personal, etwa Lehrkräfte oder Polizei, sowie Sachkäufe wie IT-Dienstleistungen –, nicht aber öffentliche Investitionen oder Transfers wie Renten. Unmittelbar nach einer Erhöhung des Staatskonsums liegt der Multiplikator bei rund eins. Ein zusätzlicher Euro erhöht das BIP also bereits im Quartal der Maßnahme um etwa einen Euro. In den folgenden Quartalen nimmt die Wirkung zunächst leicht zu und erreicht nach etwa einem Jahr ihren Höchstwert von rund 1,10 Euro. Anschließend geht der Multiplikator wieder leicht zurück und stabilisiert sich in der Nähe von eins. Zusätzlicher Staatskonsum erhöht die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen unmittelbar und stabilisiert daher rasch die Konjunktur, liefert aber keine Hinweise auf wesentliche Verstärkungseffekte über den ursprünglichen Nachfrageimpuls hinaus.

Steuersenkungen entfalten ihre Wirkung erst mit Verzögerung

Steueränderungen wirken langsamer. Im Quartal einer Steuersenkung erhöht sich die Wirtschaftsleistung zunächst um rund 0,70 Euro je Euro geringerer Steuerbelastung. In den folgenden Quartalen steigt der Multiplikator jedoch kontinuierlich an und erreicht nach rund zwei Jahren Werte von etwa 1,80. Der Grund liegt im Wirkungsmechanismus. Steuersenkungen wirken vor allem über die Entscheidungen und Erwartungen privater Haushalte und Unternehmen, indem sie deren finanzielle Spielräume erhöhen und Anreize für Arbeit, Konsum und Investitionen verbessern. Entscheidend ist, wie dauerhaft die Entlastungen eingeschätzt werden. Erst wenn sich Konsum-, Arbeits- und Investitionsentscheidungen schrittweise anpassen, entfalten Steueränderungen ihre volle gesamtwirtschaftliche Wirkung.

Instrumente gezielt kombinieren

Die aktuelle wirtschaftspolitische Debatte geht über die beiden untersuchten Instrumente hinaus. Mit dem Sondervermögen stehen verstärkt öffentliche Investitionen im Mittelpunkt, die nach früheren Studien neben kurzfristigen Nachfrageeffekten auch das Produktionspotenzial stärken können. Das jüngst vereinbarte Reformpaket der Bundesregierung umfasst zudem Maßnahmen zur Stärkung von Arbeitsanreizen sowie Reformen des Arbeitsmarkts. Die Ergebnisse sprechen dafür, die erweiterten fiskalischen Spielräume nicht allein auf kurzfristige Nachfrageeffekte auszurichten.

Die Studie bewertet nicht, welches finanzpolitische Instrument am wirksamsten ist. Vielmehr untersucht sie isoliert die historischen Wirkungen von Staatskonsum und Steueränderungen. Für wirtschaftspolitische Entscheidungen spielen darüber hinaus langfristige Wachstumseffekte, Verteilungswirkungen, öffentliche Investitionen, Institutionen sowie Fragen der Finanzierung und Verschuldung eine wichtige Rolle.

„Öffentliche Investitionen, Staatskonsum und steuerliche Entlastungen erfüllen unterschiedliche wirtschaftspolitische Ziele. Entscheidend wird sein, sie so zu kombinieren, dass sowohl die kurzfristige Stabilisierung als auch die langfristige Stärkung des Produktionspotenzials unterstützt werden“, so Studienautorin Geraldine Dany-Knedlik, stellvertretende Leiterin der Abteilung Makroökonomie.

Links

O-Ton von Ruben Staffa
Die Wahl des Instruments ist zentral für Wirkung der Fiskalpolitik - Interview mit Ruben Staffa
Petra Jasper
Petra Jasper

Stellvertretende Abteilungsleiterin Abteilung Kommunikation

Ruben Staffa

Wissenschaftler Abteilung Makroökonomie

Geraldine Dany-Knedlik

Stellvertretende Abteilungsleiterin Abteilung Makroökonomie

Jo-Ya Kung

Doktorandin Abteilung Makroökonomie

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