Warum eine stärkere Besteuerung hoher Vermögen überfällig ist

Blog Marcel Fratzscher vom 24. August 2026

Leistung muss sich lohnen: Superreiche müssen mehr Steuern zahlen. Und das hat nichts mit einer Neiddebatte zu tun, sondern mit ökonomischer Vernunft und Gerechtigkeit.

Die Ungleichheit der Vermögen steigt weltweit. Und zwar nicht nur zwischen Privatpersonen, sondern auch zwischen Privatpersonen und dem Staat. Immer mehr Staaten machen immer mehr Schulden. Das liegt nicht nur an ineffizienten Staatshaushalten, sondern weil in vielen Ländern die Steuereinnahmen sinken, die Ausgaben aber steigen. Daseinsvorsorge, Bildung, Sicherheit, Investitionen und all die anderen Bereiche, die ein funktionierendes Gemeinwesen tragen. Wie könnte eine Balance aussehen – sich der Staat effizient und zugleich auskömmlich finanzieren?

Die Antwort liegt in einem großen Ungerechtigkeitsgefühl, das Menschen überall auf der Welt teilen: die enorm hohen Privatvermögen einzelner. Superreiche stärker zu besteuern, erscheint daher nicht nur als Lösung für klamme öffentliche Haushalte, sondern als moralisch notwendig.

Diese Kolumne von Marcel Fratzscher erschien am 21. August 2026 in der ZEIT in der Reihe Fratzschers Verteilungsfragen.

Über Moral und Gerechtigkeit lässt sich streiten. Weniger strittig ist jedoch die Frage, wie Steuern in einer Gesellschaft gestaltet sein sollten, damit sie akzeptiert werden, wirtschaftlich effizient sind und den geringstmöglichen Schaden anrichten. Aus beiden Perspektiven – also sowohl mit Blick auf das gesellschaftliche Verständnis von Leistung und Gerechtigkeit als auch mit Blick auf ein Steuersystem, das Wohlstand ermöglicht – ist auch für Deutschland eine höhere Besteuerung großer Vermögen nur logisch und – ich würde so weit gehen und sagen: Es ist unausweichlich.

Unsere Gesellschaft definiert Gerechtigkeit über Leistung und Bedarf, nicht über Ansprüche oder Gleichheit. Es gibt einen breiten Konsens darüber, dass verfügbares Einkommen (und Vermögen) die Leistung des Einzelnen widerspiegeln sollten – und dass zugleich am unteren Ende der Verteilung jeder und jedem ein menschenwürdiges Leben und ein Mindestmaß an sozialer Teilhabe garantiert werden müssen. Dagegen lehnt eine große Mehrheit Ansprüche an die Gesellschaft ab, wenn sie diesen Prinzipien von Leistung und Bedarf widersprechen. Die Ablehnung ist auch groß, wenn es um Gleichheit per se geht – viele Menschen wollen schon sehen, dass sich Leistung lohnt und derjenige, der sich besonders anstrengt, auch etwas mehr haben darf.

Anderthalbmal bis zum Mond

Die Fakten des kürzlich veröffentlichten Global Wealth Report 2026 der BCG zeigen, wie enorm groß die Ungleichheit der Vermögen weltweit, aber gerade auch in Deutschland geworden ist. Das weltweite Nettovermögen ist 2025 auf einen neuen Höchststand von rund 550 Billionen US-Dollar gestiegen. Das ist eine unvorstellbare Summe! Zur Veranschaulichung ein Bild: Würde man 550 Billionen Dollar ausschließlich in 100-Dollar-Scheinen darstellen, wären das 5,5 Billionen Banknoten. Aufgeschichtet auf einen Stapel wäre dieser etwa 605.000 Kilometer hoch – das ist fast eineinhalb Mal die Entfernungen zwischen Erde und Mond.

Eine winzige Gruppe besitzt in Deutschland enorm viel

Natürlich besteht das Vermögen überwiegend nicht aus Geldscheinen, sondern aus Grundstücken, Gebäuden, Aktien, Unternehmensbeteiligungen und anderen Vermögenswerten. 

Fakt ist: Das globale Finanzvermögen wuchs deutlich schneller als die Inflation und erreichte rund 333 Billionen US-Dollar, vor allem getrieben durch starke Aktienmärkte.

Für Deutschland sind die Zahlen besonders aufschlussreich. Laut BCG stieg das gesamte Nettovermögen in Deutschland 2025 auf rund 23,3 Billionen US-Dollar. Das Finanzvermögen legte auf 12,4 Billionen US-Dollar zu, die Sachwerte – vor allem Immobilien – auf 13,4 Billionen US-Dollar. Gleichzeitig konzentriert sich ein enormer Teil des Finanzvermögens auf eine winzige Gruppe: Rund 5.000 Menschen in Deutschland verfügen über jeweils mehr als 100 Millionen US-Dollar Finanzvermögen und besitzen zusammen 27,3 Prozent des gesamten deutschen Finanzvermögens. Diese Gruppe ist innerhalb eines Jahres deutlich gewachsen. Demgegenüber stehen rund 66 Millionen Menschen in Deutschland mit einem Finanzvermögen von weniger als 250.000 US-Dollar. Die Botschaft ist eindeutig: Vermögenszuwächse kommen nicht in der Breite an, sondern konzentrieren sich an der Spitze.

Zu einem ähnlichen Befund kommen andere Vermögensstudien (hier und hier). Für Deutschland belegt eine DIW-Studie, dass die reichsten zehn Prozent der Begünstigten die Hälfte aller Erbschaften und Schenkungen erhalten. Eine andere DIW-Studie zu Grunderbe und Vermögensteuern zeigt, dass die reichsten zehn Prozent rund zwei Drittel des gesamten Privatvermögens besitzen, während die untere Hälfte kaum nennenswerte Vermögen hat.

Die Frage ist, wie wir Leistung definieren

Man könnte einfach einwenden, extreme Vermögensungleichheiten spiegelten schlicht »Leistung« wider. Warum sollten Menschen, die zum Beispiel maßgeblich an der Entwicklung eines Corona-Impfstoffs beteiligt waren und damit zum Schutz von Millionen Menschenleben beigetragen haben, nicht in kürzester Zeit Milliardäre werden? Wer bahnbrechende Technologien entwickelt und das Leben von Millionen Menschen verbessert, soll für diese Leistung belohnt werden.

Dennoch stellt sich die Frage, wie genau wir Leistung definieren und honorieren wollen. Was ist mit den Zehntausenden Menschen in systemrelevanten Berufen, die zum Beispiel während der Corona-Pandemie das Land am Laufen gehalten, Kranke gepflegt und noch viel größeren Schaden von Land und Gesellschaft abgewendet haben? Eine DIW-Studie zeigt, dass Menschen in systemrelevanten Berufen im Durchschnitt schlechter bezahlt werden, weniger Wertschätzung erfahren und übrigens meistens weiblich sind. Wenn Einkommen und Vermögen Leistung widerspiegeln sollen, müssten dann nicht auch die vielen Millionen Menschen in unserem Land, die als Krankenschwester, Altenpflegerin, Verkäuferin oder Lieferdienstmitarbeiter arbeiten und oft gerade genug verdienen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, eigenes Vermögen aufbauen können?

Wir brauchen daher dringend eine ehrliche Diskussion darüber, was Leistung bedeutet und wie wir sie als Gesellschaft honorieren wollen.

Riesengroße Erbschaften bleiben oft steuerfrei

Hinzukommt: Die allermeisten großen Vermögen entstehen eben nicht durch die eigene Arbeit, sondern durch Erbschaften und Schenkungen. Rund die Hälfte aller Erbschaften und Schenkungen geht an die reichsten zehn Prozent der Begünstigten. Knapp 60 Prozent aller privaten Vermögen heute in Deutschland wurden geerbt und entstanden nicht mit der eigenen Hände Arbeit. Dies gilt für einen noch viel höheren Anteil der Milliardäre und Multimillionäre in Deutschland und anderswo in der Welt. Erbschaften sind das leistungsloseste Vermögen, das es gibt. Auch deshalb ist eine stärkere Besteuerung großer Vermögen dringend geboten, wenn wir das Leistungsprinzip in unserer Gesellschaft ernst nehmen.

Das beliebte Gegenargument, das dann vorgebracht wird, lautet: Hochvermögende zahlten bereits einen fairen Anteil an die Gesellschaft zurück. Das stimmt jedoch nicht. Es gibt kaum ein Land, das Arbeit so stark und Vermögen gleichzeitig so gering besteuert wie Deutschland. Die Belastung von Arbeit durch Steuern und Abgaben beträgt hierzulande durchschnittlich mehr als 40 Prozent, die Besteuerung von Kapitalerträgen nur 25 Prozent. Eine Vermögensteuer gibt es nicht, und die Erbschaft- und Schenkungsteuer lässt sich häufig so umgehen, dass riesengroße Erbschaften allzu oft ganz oder weitgehend steuerfrei bleiben.

Die geringe Besteuerung großer Vermögen widerspricht daher fundamental dem Leistungsprinzip unserer sozialen Marktwirtschaft. Unser Steuersystem sagt den Menschen implizit: Nicht eure Leistung entscheidet über euren finanziellen Wohlstand und eure Absicherung, sondern die Lotterie der Geburt und die Frage, aus welcher Familie ihr stammt. 

Vermögensssteuer verursacht keinen wirtschaftlichen Schaden

Nicht wenige – vor allem Familienunternehmen und andere Lobbygruppen großer Vermögen – argumentieren außerdem, Hochvermögende bräuchten ihre großen Vermögen. Man könne sie nicht stärker besteuern, weil sonst erheblicher wirtschaftlicher Schaden entstünde: Unternehmen könnten weniger investieren, gute Arbeitsplätze und Wohlstand gingen verloren.

Dieses Argument ist aus zwei Gründen falsch. Erstens ist eine starke Besteuerung von Arbeit sehr viel schädlicher als eine stärkere Besteuerung von Vermögen. Denn die hohe Belastung von Arbeit in Deutschland bedeutet, dass es sich für viele Menschen nur wenig lohnt, sich stärker anzustrengen, Risiken einzugehen oder mehr zu arbeiten. Der dadurch entstehende Schaden ist deutlich größer als der eines Erben, der von seinen zehn geerbten Wohnungen einen Teil abgeben müsste.

Zweitens zeigt der internationale Vergleich, dass Deutschland Vermögen deutlich stärker besteuern könnte, ohne dass es die Wirtschaft schadet. Den vermögensbezogenen Steuern von rund einem Prozent der Wirtschaftsleistung in Deutschland stehen drei bis vier Prozent in Ländern wie Frankreich, Großbritannien oder den USA gegenüber. Das sind Länder mit keineswegs geringerem wirtschaftlichem Wohlstand. Auch eine Erbschaftsteuer, bei der gewaltige Vermögen und Unternehmensvermögen nicht länger weitgehend steuerfrei bleiben, ließe sich so gestalten, dass sie keinen wirtschaftlichen Schaden anrichtet. 

Wissenschaftlich ist gut belegt, dass eine stärkere Besteuerung gigantischer Vermögen ökonomisch begründbar und praktisch gestaltbar ist. So könnte insbesondere eine Reform der Erbschaftsteuer und eine Begrenzung von Privilegien für Unternehmensvermögen das Steueraufkommen in Deutschland deutlich erhöhen, ohne die wirtschaftliche Substanz zu gefährden.

Ein konkretes Beispiel für eine künftige Besteuerung ist der Vorschlag des französischen Ökonomen Gabriel Zucman, der auch von einigen G20-Ländern sowie Politiker*innen in Deutschland unterstützt wurde. Er schlägt vor, Superreiche mit zwei Prozent ihres Vermögens pro Jahr moderat zu besteuern. Denn in den vergangenen Jahren sind die Vermögen der Milliardäre im Durchschnitt deutlich stärker gewachsen als die Einkommen der meisten Menschen. Eine so ausgestaltete Vermögensteuer würde lediglich sicherstellen, dass die Superreichen einen faireren Beitrag zum Gemeinwesen leisten.

Gegen soziale Spaltung und Aushöhlung der Demokratie

Das wäre gut fürs Gemeinwohl: Eine Besteuerung aller Menschen mit mehr als 100 Millionen Euro Vermögen würde nach Berechnungen des DIW Berlin zusätzliche Einnahmen in zweistelliger Milliardenhöhe pro Jahr generieren. Würde sie auf Menschen mit mehr als 20 Millionen Euro Vermögen ausgeweitet, könnten die Einnahmen bei knapp 40 Milliarden Euro jährlich liegen. Eine stärkere Besteuerung riesiger Vermögen könnte also erhebliche Mittel für Bildung, Infrastruktur, Klimaschutz, Sicherheit und sozialen Ausgleich mobilisieren.

Es gibt noch ein weiteres wichtiges Argument dafür: Es würde die weitere soziale Spaltung der Gesellschaft begrenzen, das ist essenziell für eine funktionierende Demokratie. Denn Geld bedeutet Macht. Eine hohe und weiter zunehmende Vermögensungleichheit führt zunehmend auch zu einer Aushöhlung der Demokratie. Nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland beeinflusst Geld direkt oder indirekt politische Entscheidungen. Wenn wir als Gesellschaft zulassen, dass sich die große Unwucht bei Vermögen und Macht weiter verschärft, dann gefährden wir die Grundlagen unserer Demokratie.

Bei der Besteuerung großer Vermögen geht es letztlich nicht um Neid, sondern um die Frage, welche Honorierung von Leistung gerecht ist. Was ist ein angemessener Beitrag starker Schultern, also Hochvermögender, zum Funktionieren von Staat und Gesellschaft? Und wie lässt sich das Steuersystem so gestalten, dass es möglichst viel wirtschaftlichen Wohlstand schafft?

Die Antwort kann nur sein: Große Vermögen können und müssen in der heutigen Zeit einen deutlich größeren Beitrag leisten. Zumal Hochvermögende selbst am stärksten von einer leistungsfähigen Gesellschaft und Wirtschaft profitieren. Ohne funktionierende Infrastruktur, gute Bildung, Rechtsstaatlichkeit, Sicherheit und soziale Stabilität könnten viele ihren finanziellen Erfolg gar nicht realisieren.

Ich bin überzeugt: Die Frage ist nicht, ob eine stärkere Besteuerung großer Vermögen irgendwann kommt, sondern nur, wann der politische Wille und der gesellschaftliche Druck groß genug dafür sein werden.

keyboard_arrow_up