Die Fesseln der Einhörner

Medienbeitrag vom 26. Oktober 2026

Wer als Start-up in Europa zügig und stark wachsen will, stößt schnell an seine Grenzen. Daran ist auch die Politik schuld

Deutschland feiert einen Start-up-Rekord. Immerhin 38 Unicorns, also nicht börsennotierte Unternehmen mit einer Bewertung von mindestens einer Milliarde Dollar, zählt der neu entwickelte Hurun Global Unicorn Index für die Bundesrepublik. An Ideen und Gründergeist mangelt es offenkundig nicht.

Dieser Gastbeitrag von Alexander S. Kritikos und Alexander Schiersch ist am 16. Oktober 2026 in der WirtschaftsWoche erschienen.

Die Probleme kommen eher in der Wachstumsphase. In späteren Finanzierungsrunden stammen weniger als 15 Prozent des Kapitals von deutschen Investoren. Die Wertschöpfung entsteht bei uns, aber die Kontrolle wandert nach London, New York und ins Silicon Valley.

Genau hier liegt ein europäisches Grundproblem. Warum entsteht in Europa kein Google, kein Nvidia, kein OpenAI? Die üblichen Antworten – Bürokratiekosten, Steuern, Risikoaversion – sind nicht falsch, greifen aber zu kurz. Das eigentliche Defizit liegt weniger bei Ideen oder Gründergeist als bei den Skalierungsmöglichkeiten, also den Chancen, als Unternehmen schnell, grenzüberschreitend und mit ausreichend Kapital groß zu werden.

Die Fakten hat bereits 2023 der Draghi-Report dokumentiert. In den vergangenen 50 Jahren wurde in der EU mit Ausnahme von Spotify kein Unternehmen von Grund auf neu gegründet, das eine Marktkapitalisierung von mehr als 100 Milliarden Euro erreicht hätte. In den USA entstanden im selben Zeitraum mindestens ein halbes Dutzend Unternehmen mit Bewertungen jenseits einer Billion Euro.

Zwischen 2008 und 2021 brachte Europa zwar immerhin 147 Unicorns hervor. Aber fast ein Drittel davon verlegte den Hauptsitz ins Ausland, die meisten in die USA. Die 100-Milliarden-Marke hat in Deutschland seit der SAP-Gründung 1972 kein deutsches Start-up mehr geknackt.

Der Grund: Dem europäischen Kapitalmarkt fehlt die Tiefe. Der EU-Anteil am global eingesammelten Venture Capital liegt bei nur fünf Prozent. Mehr als die Hälfte des Volumens entfällt auf die USA, auf China etwa 40 Prozent.

Seit 2013 entstanden in den USA 137 Wagniskapitalfonds mit über einer Milliarde Dollar Volumen. In der EU sind es nur elf. Sobald es um Wachstum in großem Maßstab geht, dominieren internationale Fonds die entscheidenden Finanzierungsrunden, gerade in kapitalintensiven Feldern wie Verteidigung, Raumfahrt und Fusionsenergie.

Das ist nicht allein ein Angebotsproblem. Weil der Binnenmarkt fragmentiert ist, lohnt Skalieren in Europa weniger. Damit sinkt auch die Nachfrage nach Wachstumskapital. Eine Kapitalmarktunion ist deshalb notwendig, greift aber zu kurz, solange der Produkt- und Dienstleistungsmarkt in Teilen überreguliert und zersplittert bleibt.

Beides ist ein von den Europäern selbst herbeigeführter Zustand. Zwischen 2019 und 2024 verabschiedete die EU rund 13.000 Rechtsakte, die USA auf Bundesebene nur knapp halb so viele Gesetze. Verschärfend wirkt das sogenannte Gold-Plating: Dabei reichern Mitgliedstaaten das EU-Recht mit nationalen Sonderregeln an. Im Ergebnis führt das zu 27 separaten Märkten.

Kapitalmarktunion vollenden

Der Vormarsch der Künstlichen Intelligenz (KI) erhöht die Probleme zusätzlich: Im KI-Wettbewerb zählen Größe, Kapital, Rechenleistung und Geschwindigkeit. Genau diese Faktoren werden durch fragmentierte Märkte, einen flachen Kapitalmarkt und rund 100 technologiebezogene EU-Gesetze plus 270 Digitalregulierungen systematisch behindert. Wer das Zusammenspiel von Daten so schwer wie möglich macht, wird bei einer datenbasierten Technologie nicht mithalten können.

Was folgt daraus? Es braucht die konsequente Vollendung des EU-Binnenmarkts. Nötig sind ein wirklich offener Produkt- und Dienstleistungsmarkt, ein einheitlicher europäischer Datenraum ohne nationale Sonderregeln und eine echte Kapitalmarktunion.

Einen konkreten Hebel bietet das von der EU-Kommission vorgeschlagene „28. Regime“. Es soll einen einheitlichen europäischen Rechtsrahmen schaffen, der Gründung, Finanzierung und grenzüberschreitendes Wachstum von Unternehmen vereinfacht. Deutschland sollte als größte Volkswirtschaft der EU ein vitales Eigeninteresse haben, diese Agenda voranzutreiben.

Europa hat die Forscher, die Gründer und die Ideen. Was fehlt, ist der Raum, aus Ideen Weltmarktführer zu machen. Wer globale Technologiechampions will, muss nicht bei den Gründern ansetzen, sondern an den Bedingungen, unter denen sie wachsen können.

Aus 27 Märkten muss endlich ein Markt werden.

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