Wahrgenommene Einkommensgerechtigkeit ist konjunkturabhängig

Pressemitteilung vom 8. Juli 2010

Das Gefühl, ein gerechtes Einkommen zu beziehen, ist offenbar konjunkturabhängig. Zu diesem Ergebnis kommt das DIW Berlin in einer aktuellen Studie. „In Krisenzeiten sind Beschäftigte anscheinend eher bereit, auf Einkommen zu verzichten“, sagte DIW-Experte Jürgen Schupp. „In Aufschwungzeiten erwarten sie dagegen einen Anteil am wirtschaftlichen Erfolg“.

Stichwort SOEP:

Die Forscher verwendeten für ihre Studie die Haushaltsdaten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP). Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) ist eine seit 1984 laufende Langzeitbefragung von 11.000 privaten Haushalten in Deutschland. Das am DIW Berlin angesiedelte SOEP gibt Auskunft über Faktoren wie Einkommen, Erwerbstätigkeit, Bildung oder Gesundheit. Seit 2005 werden auch Daten über die Vorstellungen zur Gerechtigkeit des eigenen Erwerbseinkommens erhoben. Im Auftrag des DIW Berlin werden jedes Jahr in Deutschland über 20 000 Personen in rund 11 000 Haushalten von TNS Infratest Sozialforschung befragt. Weil jedes Jahr dieselben Personen befragt werden, können langfristige soziale und gesellschaftliche Trends besonders gut verfolgt werden.

Zum Download weiterer Studien des DIW Berlin zum Thema:
„Bewertung von Erwerbseinkommen“

Sauer, Carsten, Katrin Auspurg, Thomas Hinz, Stefan Liebig & Jürgen Schupp (2009): Die Bewertung von Erwerbseinkommen - Methodische und inhaltliche Analysen zu einer Vignettenstudie im Rahmen des SOEP-Pretest 2008. SOEPpapers on Multidisciplinary Panel Data Research No. 189.

Sauer, Carsten, Stefan Liebig, Katrin Auspurg, Thomas Hinz, Andy Donaubauer, and Jürgen Schupp. (2009). A Factorial Survey on the Justice of Earnings Within the SOEP-Pretest 2008. SOEP Papers on Multidisciplinary Panel Data Research at DIW Berlin No. 238.

Liebig, Stefan, Jürgen Schupp & Carsten Sauer (2009): The Justice of Earnings in Dual-Earner Households. SOEP Papers on Multidisciplinary Panel Data Research at DIW Berlin No 216.

Die empfundene Einkommensungerechtigkeit ist im Jahr 2009 nach einer Zunahme im Jahr 2007 wieder auf das Niveau des Jahres 2005 zurückgegangen. Die ökonomische Situation im Jahr 2005 war durch eine relativ hohe Arbeitslosigkeit gekennzeichnet und insofern mit der Situation im Jahr 2009 vergleichbar, in dem es in Folge der Finanzkrise zu betriebsbedingten Kündigungen, Kurzarbeit und Einstellungsstopps kam.

Insgesamt empfindet jeder zweite Beschäftigte in Deutschland sein Einkommen dauerhaft als gerecht. Lediglich 13 Prozent der Beschäftigten empfinden ihr Einkommen dauerhaft als ungerecht. Dazu gehören vor allem Ostdeutsche, Facharbeiter, Beschäftigte im Baugewerbe sowie im Sozial- und Gesundheitswesen sowie generell Bezieher mittlerer und unterer Einkommen. Zu einem dauerhaften Ungerechtigkeitsempfinden im mittleren Einkommensbereich trägt auch die Einkommensbesteuerung bei. „Bei höheren Einkommensgruppen führt dagegen die Einkommensbesteuerung nicht zu einem erhöhten Ungerechtigkeitsempfinden“, sagte DIW-Forschungsprofessor Stefan Liebig.

Frauen bescheiden sich beim Einkommen – aus Unkenntnis

Das Einkommen, das Frauen für sich als gerecht ansehen, liegt überraschenderweise unter dem Einkommen, das Männer real erzielen. Die Zurückhaltung zeigte sich bei ungelernten Hilfskräften ebenso wie bei Akademikerinnen. Die Untersuchungsergebnisse weisen auf die Folgen von Geschlechterstereotypen und Intransparenz bei der Entlohnung hin: Da Frauen häufig in Frauenberufen tätig sind, das Lohnniveau in diesen Berufen aber niedriger ist als in Männerberufen, vergleichen sie ihr Gehalt eher mit dem anderer Frauen und stellen deshalb auch geringere Forderungen. Die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen kann also nicht allein durch individuelle Anstrengungen reduziert werden, solange die Entlohnungssysteme nicht transparent gemacht werden. Wenn sie die Lohnunterschiede zu ihren männlichen Kollegen sehen, werden Frauen auch höhere Forderungen stellen.

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