Pressemitteilung vom 9. Oktober 2013
Privater Konsum soll für dauerhaft hohes Wachstum sorgen – Voraussetzungen bisher aber kaum erfüllt – Außenhandel mit Deutschland vor Veränderungen
China steht laut einer aktuellen Analyse des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) vor immensen wirtschaftspolitischen Herausforderungen, sofern das Bruttoinlandsprodukt künftig mit ähnlich hohen Raten wachsen soll wie in der Vergangenheit. „Das Modell, in dem die Wirtschaftsleistung in erster Linie über Exporte und Investitionen steigt, hat sich während der globalen Finanzkrise als sehr anfällig erwiesen“, sagt Christian Dreger, DIW-Forschungsdirektor für Internationale Ökonomie. Für ein nachhaltigeres Wachstum müsse die Binnenwirtschaft gestärkt werden und der private Konsum einen höheren Beitrag leisten. Ein solcher Wandel würde sich zugleich auch auf den deutsch-chinesischen Handel auswirken und die auf Investitionsgüter spezialisierte deutsche Exportindustrie treffen. Kann die chinesische Staatsführung zudem ihre Pläne realisieren, Autos und Maschinen zunehmend im eigenen Land zu produzieren, könnte die Nachfrage nach deutschen Produkten zusätzlich beeinträchtigt werden.
Hohe Sparquote ist ein zentrales Problem
Nachdem die chinesische Wirtschaft dank umfangreicher Konjunkturpakete während der weltweiten Finanzkrise ihr Wachstumstempo halten konnte, haben die Zuwachsraten abgenommen und liegen nach ehemals zweistelligen Werten nur noch bei 7,5 Prozent. Eine Ursache: Chinas Wirtschaft hängt zu stark von den Ausfuhren und damit von der Lage anderer Länder ab. Infolge einer extrem lockeren Kreditvergabe der Staatsbanken ist zudem viel Geld in unprofitable Bereiche und staatliche Firmen geflossen. Viele der Kredite könnten langfristig uneinbringlich sein und die Staatshaushalte belasten – ohnehin haben sich die Lokalregierungen schon mit den Konjunkturpaketen allem Anschein nach finanziell massiv übernommen. Im Zuge der konjunkturstimulierenden Maßnahmen sind zudem die Investitionen auf knapp 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gestiegen, während die Konsumquote auf gut ein Drittel gefallen ist. „So haben sich bestehende Ungleichheiten verstärkt und die nötige Transformation hin zu einem stärkeren Gewicht der Privatwirtschaft verzögert“, analysiert Dreger.
Um wieder auf einen robusteren Wachstumspfad einzuschwenken, versucht China die Bedeutung des Konsums zu erhöhen – steht dabei aber vor dem Problem einer enormen Sparquote der Privathaushalte von knapp 30 Prozent. Ein Grund dafür ist das niedrige Niveau der sozialen Sicherung im Alter sowie im Fall von Krankheit und Arbeitslosigkeit. Aufgrund der angespannten Haushaltslage ist auch in naher Zukunft nicht zu erwarten, dass die Regierung deutlich mehr dafür aufwendet als die jetzigen fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Auch die Ein-Kind-Politik zwingt die privaten Haushalte, in erheblichem Umfang Eigenvorsorge zu betreiben. Hinzu kommen beschränkte Möglichkeiten der Kreditaufnahme für private Haushalte, die für größere Anschaffungen sparen müssen. „Die Finanzmärkte und insbesondere die Kreditvergabe müssen dringend reformiert werden“, erklärt Dreger. Auch ein Anstieg der verfügbaren Einkommen durch einen Anstieg der Sparzinsen und eine zunehmende Migration der Landbevölkerung in die Städte könnten die Konsumdynamik erhöhen. „China steht vor erheblichen Herausforderungen, und es ist noch gar nicht ausgemacht, dass dieser Reformprozess erfolgreich bewältigt werden kann“, so Dreger.
Im Handel mit China drohen Konflikte
Sollte der Wandel hin zu einem eher konsumgestützten Wachstum der chinesischen Wirtschaft dennoch gelingen, dürfte sich dies im deutschen Außenhandel mit der Volksrepublik bemerkbar machen: Sinken die Investitionen in China, sinkt langfristig die Importnachfrage nach Investitionsgütern aus Deutschland. Zudem sollen Maschinen und Autos künftig zunehmend im eigenen Land produziert – und anschließend zum Teil auch wieder exportiert – werden. „Der Handel zwischen Deutschland und China hat bisher gut funktioniert, weil sich die Angebote beider Länder ergänzt haben“, erklärt DIW-Ökonom Georg Erber. China habe Textilien und einfache Industriewaren nach Deutschland exportiert, Deutschland wiederum Maschinen und Autos nach China. „Wollen beide Länder nun ähnliche Produkte produzieren und exportieren, ergeben sich Konfliktfelder“, so Erber. „Der Streit über Dumpingpreise und illegale Subventionen bei chinesischen Photovoltaikpaneelen hat einen ersten Vorgeschmack geliefert.“
Das nötige Know-how gewinnt China derzeit nicht zuletzt durch Gemeinschaftsunternehmen, etwa in der Automobilbranche mit großen deutschen Herstellern, die ihrerseits auf dem chinesischen Markt präsent sein wollen und müssen – langfristig aber zurückgedrängt werden könnten. Zudem plant China Direktinvestitionen in ausländische Unternehmen der Hoch- und Spitzentechnologie im Umfang von etwa 500 Milliarden Euro, und auf der Liste der Investitionsziele stehen auch viele deutsche Unternehmen. DIW-Forscher Erber: „Die deutsche Wirtschafts- und Außenhandelspolitik sollte auf solche Fragen zügig Antworten finden, denn insbesondere die Position in der Hoch- und Spitzentechnologie ist für die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft entscheidend.“