Blog Marcel Fratzscher vom 20. Juli 2026
Noch nie gab es eine Technologie, die so schnell gesellschaftliche Machtverhältnisse verändern kann wie KI. Jetzt ist der Moment, um sie demokratisch zu gestalten.
Künstliche Intelligenz ist die größte Chance unserer Zeit – und zugleich eine der größten Bedrohungen. Öffentliche Debatten darüber sind jedoch häufig unausgewogen und zwingen uns, zwischen diesen beiden Perspektiven zu wählen. Dabei kann KI zu einem besseren, gesünderen und erfüllteren Leben beitragen, insbesondere für die verletzlichsten Gruppen unserer Gesellschaft. Gleichzeitig birgt sie erhebliche Risiken: Sie kann gesellschaftliche Spaltungen vertiefen, manipulieren, Eigentum entziehen und die Demokratie aushöhlen.
Neue Technologien haben Menschen schon immer Angst eingejagt – besonders deutlich wurde dies mit der industriellen Revolution vor über 200 Jahren. Technologieoptimisten nutzen diesen Verweis häufig, um heutige Sorgen abzutun. Doch zwischen KI und allen früheren Technologien besteht ein entscheidender Unterschied: Erstmals könnte eine Technologie zumindest perspektivisch intelligenter sein als der Mensch. Damit könnte der bislang geltende Mechanismus außer Kraft gesetzt werden, wonach technischer Fortschritt zwar Arbeitsplätze ersetzt, zugleich aber zumindest ebenso viele neue und meist deutlich bessere Arbeitsplätze schafft.
Diese Kolumne von Marcel Fratzscher erschien am 17. Juli 2026 in der ZEIT in der Reihe Fratzschers Verteilungsfragen.
KI hat nicht nur das Potenzial, Menschen aus traditionellen Arbeitsbereichen zu verdrängen. Sie greift zunehmend in das ein, was uns als Menschen ausmacht: Sprache, Analyse, Kreativität, Organisation und komplexe Entscheidungen.
Ein weiterer Unterschied ist ihre enorme Geschwindigkeit. Die industrielle Revolution dauerte Jahrzehnte, genauso wie die Digitalisierung und viele andere grundlegende technologische Veränderungen. Die KI-Entwicklung vollzieht sich jedoch innerhalb weniger Jahre – mit selbstverstärkenden Lernprozessen und enormen Skaleneffekten.
Hinzu kommt ihre potenzielle Unabhängigkeit vom Menschen. Bereits heutige Large Language Models können selbstständig lernen. Künftige Modelle werden nicht mehr nur menschliches Wissen sammeln und klug replizieren, sondern neues Wissen entwickeln – möglicherweise auch weit über das menschliche Vorstellungsvermögen hinaus.
Die KI hat enorme Potenziale, der großen Mehrheit ein besseres, menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen. Sie kann schon heute manche Krankheiten früher erkennen und wird zunehmend Medikamente schneller entwickeln sowie Krankheiten wie Krebs oder Alzheimer besser diagnostizieren, behandeln oder gar verhindern können. Sie wird Menschen viel unliebsame Arbeit abnehmen, Verwaltung vereinfachen, Bildung individueller zugänglicher und Mobilität sicherer machen. Forschung, für die Wissenschaftler*innen in der Vergangenheit Jahre oder Jahrzehnte benötigt haben, könnte künftig in einem Bruchteil dieser Zeit möglich sein.
Die größten Nutznießer von KI könnten die noch immer fast eine Milliarde Menschen auf der Welt sein, die heute in Armut leben und nicht genug Essen, medizinische Versorgung, Bildung und andere Daseinsvorsorge haben. Vor allem hat KI das Potenzial, allen Menschen mehr Autonomie zu geben, um selbstbestimmt und individuell über ihr eigenes Leben zu entscheiden. Sie ermöglicht, sich auf die Tätigkeiten zu konzentrieren, die uns als Menschen ausmachen: Kreativität, Fürsorge für andere, Reflexion und Urteilskraft sowie menschliche Beziehungen.
Es gibt also viele gute Gründe, optimistisch auf KI zu blicken.
Doch auch viele gute Gründe, um pessimistisch zu sein: KI führt nicht automatisch zu gesellschaftlichem Fortschritt. Die beiden Nobelpreisträger Daron Acemoglu und Simon Johnson haben in ihrer Arbeit gezeigt: Neue Technologien haben in der Geschichte nur dann breite Wohlstandsgewinne geschaffen, wenn Institutionen und gesellschaftliche Machtverhältnisse dafür gesorgt haben, dass die Produktivitätsgewinne nicht nur bei den Eigentümern des Kapitals landen. Die Ausgestaltung des Fortschritts ist eine politische Entscheidung. Eine Technologie kann Menschen produktiver machen – oder sie ersetzen. Sie kann Macht demokratisieren – oder sie in den Händen weniger konzentrieren. Sie kann den Wohlstand einer Gesellschaft vergrößern – oder Ungleichheit explodieren lassen.
Diese Gefahr ist bei KI besonders groß, weil leistungsfähige Modelle, Chips und Rechenzentren enorme Skaleneffekte erzeugen. Langfristig dürften daher wenige Unternehmen die entscheidenden Systeme kontrollieren – möglicherweise fast ausschließlich aus den USA und China. Damit verschiebt sich wirtschaftliche Macht von den Beschäftigten hin zu den Eigentümern der KI, von der Gesellschaft hin zu einigen wenigen Privatpersonen, von Arm zu Reich und von Europa nach China und in die USA. Der Anteil des Kapitals am Wohlstand steigt, der Anteil der Arbeit sinkt.
Das ist nicht nur ein Problem der Wirtschaft, sondern der Demokratie. Wenn einige wenige Menschen und Unternehmen darüber bestimmen, welche Arbeitsprozesse automatisiert und welche Entscheidungen getroffen werden, dann entsteht eine neue Form privater Macht. Der israelische Historiker Yuval Noah Harari warnt zu Recht davor, KI als Technologie zu betrachten, die selbst Informationen erzeugt, Entscheidungen beeinflusst und menschliche Aufmerksamkeit lenkt.
Mehr noch: Wenn einige Techmilliardäre und der argentinische Präsident Javier Milei ihren Willen durchsetzen, dann könnten KIs in Zukunft den rechtlichen Status eines Individuums oder Unternehmens erhalten. Diejenigen, die sie geschaffen haben, könnten sich dann aus der Verantwortung ziehen – mit dem Hinweis, sie hätten keine Kontrolle und keine Verantwortung mehr für diese von ihnen geschaffene Technologie.
Damit wird unsere Demokratie ad absurdum geführt. Sie beruht auf öffentlicher Debatte, Vertrauen, Wahrheitssuche und der Fähigkeit der Bürgerinnen und Bürger, informierte Entscheidungen zu treffen. Eine KI, die Millionen Menschen individuell manipulieren, Desinformation verbreiten oder politische Stimmungen steuern kann, greift direkt in diesen Kern der Demokratie ein. Dies sehen wir bereits heute in den Informationen und Empfehlungen, die KI-Chatbots politisch verbreiten und unterstützen.
Wenn Bots nicht mehr von Menschen zu unterscheiden sind, wenn personalisierte Propaganda leichter und wirksamer wird, wenn Algorithmen demokratische Öffentlichkeit zersetzen, wird Demokratie durch Erosion zerstört. Vertrauen geht verloren in Institutionen, gemeinsame Fakten, faire Verfahren und die Überzeugung, dass alle Menschen politisch zählen.
Auch die sozialen Effekte eines solchen Szenarios wären dramatisch. KI kann eine noch stärkere Umverteilung von unten nach oben auslösen. Natürlich werden nicht alle Menschen arbeitslos werden. Aber viele werden erleben, dass ihre Arbeit entwertet und Abstieg wahrscheinlicher wird.
Schon heute ist die Vermögensungleichheit in Deutschland hoch. Fast jeder dritte Mensch hat kaum oder keine nennenswerten Ersparnisse, während ein sehr großer Teil des Vermögens beim oberen ein Prozent konzentriert ist. KI kann diese Spaltung massiv vergrößern. Denn diejenigen, die KI besitzen oder kontrollieren, können enorme Gewinne erzielen. Diejenigen, deren Arbeit durch KI ersetzt oder entwertet wird, verlieren Einkommen, Sicherheit und Selbstwirksamkeit. Wer kann dann noch daran glauben, dass es ihren Kindern einmal besser gehen wird?
Diese Entwicklung würde auch die Staatsfinanzen unter Druck setzen. Unser Sozialstaat finanziert sich stark über Arbeit: Einkommensteuer, Sozialbeiträge, Abgaben auf Löhne. Wenn Arbeit an Bedeutung verliert und Kapital, Daten, Rechenleistung und immaterielle Wertschöpfung wichtiger werden, dann funktioniert unser Steuersystem nicht mehr. Denn Deutschland besteuert Arbeit stark und Vermögen ungewöhnlich gering. Das ist ohnehin ein Problem, aber im Zeitalter der KI wird es untragbar. Wenn die Wertschöpfung immer stärker aufseiten des Kapitals und digitaler Plattformen entsteht, dann müssen auch Kapital, große Vermögen, Erbschaften, Monopolgewinne und digitale Wertschöpfung stärker zur Finanzierung des Gemeinwesens beitragen.
Ansonsten wird das Gemeinwesen erodieren, weil der Staat kein Geld mehr hat, eine leistungsfähige Infrastruktur für Verkehr, Bildung oder Sicherheit bereitzustellen. Erste Anzeichen dafür gibt es bereits heute. Es scheint in westlichen Demokratien fast unmöglich geworden zu sein, die Steuern vor allem für Hochvermögende und Spitzenverdiener*innen zu erhöhen oder Privilegien für diese Gruppen zu kürzen.
Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob KI per se gut oder schlecht ist. Die entscheidende Frage ist: Wem gehört sie, wem dient sie, wer kontrolliert sie? Wer trägt die Risiken? Und wer bekommt den Wohlstand, den sie schafft? Wenn KI vor allem dazu genutzt wird, Menschen zu ersetzen, Löhne zu drücken, Märkte zu monopolisieren und demokratische Öffentlichkeit zu manipulieren, dann wird sie zu einer Bedrohung für Marktwirtschaft und Demokratie.
Wenn sie dagegen genutzt wird, um Menschen produktiver zu machen, Krankheiten zu bekämpfen, Bildung zu verbessern, Klimaschutz zu beschleunigen und Wohlstand ausgewogener zu verteilen, dann kann sie eine der größten Chancen der Menschheitsgeschichte werden.
Optimismus ist deshalb angebracht, aber KI wird nicht von allein gut. Sie wird so, wie wir sie gestalten. Wenn wir heute zulassen, dass KI in den Händen weniger privater Akteure konzentriert bleibt, werden wir morgen kaum noch die Macht haben, sie demokratisch einzuhegen. Wenn wir jetzt handeln – durch stärkere öffentliche Kontrolle, kluge Besteuerung, starke Institutionen, internationale Kooperation und eine klare Orientierung am Gemeinwohl –, dann kann KI helfen, das Leben der großen Mehrheit der Menschen besser zu machen.
Themen: Arbeit und Beschäftigung , Digitalisierung , Ungleichheit