Künstliche Intelligenz ist zu gefährlich für ein paar Superreiche

Blog Marcel Fratzscher vom 21. September 2026

Privaten Unternehmen wichtige Aufgaben zu übertragen, ist oft richtig. Aber bei einer derart potenten Technologie wie KI ist dies keine Option mehr. 

Künstliche Intelligenz wird derzeit viel mit Atomkraft verglichen, weil sie die vielleicht größte Bedrohung unserer Zeit sein könnte. Selbst Mitarbeitende mancher KI-Unternehmen sehen eine Wahrscheinlichkeit von mehr als zehn Prozent, dass KI in den kommenden Jahren die Menschheit auslöschen wird. Zurecht fragen daher viele: Wie können wir diese Gefahr bannen? Wem soll diese Technologie gehören, wer soll sie besitzen und kontrollieren, und kann es überhaupt so etwas wie einen Hauch an Rechtfertigung für privates Eigentum an einer so potenten Technologie geben? Die Antwort kann auch heute nur heißen: KI-Infrastruktur und Know-how dürfen nicht privaten Eigentümern gehören.

Diese Kolumne von Marcel Fratzscher erschien am 18. September 2026 in der ZEIT in der Reihe Fratzschers Verteilungsfragen.

Vor knapp 100 Jahren galt die Atomkraft, die Spaltung des Atoms, als eines der größten Potenziale der Zeit, die schier unbegrenzte, günstige und saubere Energie für alle Menschen versprach. In den vergangenen 100 Jahren wurde dieses Versprechen jedoch doppelt gebrochen. Zum einen ist Kernkraft heute weder günstig noch nachhaltig. Zum anderen wurde diese Technologie zum Bau von Atombomben genutzt und war über Jahrzehnte die größte existenzielle Bedrohung der Menschheit. Über Jahrzehnte wurde versucht, das Eigentum an dieser Technologie und die Herstellung von Atomwaffen zu begrenzen und zu kontrollieren – der Vergleich mit KI heute erscheint daher naheliegend.

Natürlich hat KI das Potenzial, die Welt zum Besseren zu verändern. Mit KI könnten Krankheiten geheilt werden, weil die Medizin noch schneller ganz enorme Fortschritte machen könnte. KI könnte den Klimawandel verlangsamen, die Armut in der Welt reduzieren, Arbeit sinnstiftender gestalten und die Lebensqualität für alle erhöhen.

Das Vertrauen völlig verspielt

KI ist aber mindestens im gleichen Maße auch eine Bedrohung. Erstens ist KI längst zum Instrument zahlreicher hybrider Kriege geworden, beispielsweise von Russland gegen Deutschland und Europa. Und selbst wenn die bislang genutzten KI-Instrumente noch recht simpel sein mögen, so richten Desinformationskampagnen, manipulierte Inhalte, Angriffe auf Unternehmen oder Sabotage an der Energie- und Wasserversorgung enormen Schaden an. Die deutschen Sicherheitsbehörden registrierten 2025 zum Beispiel über 1.000 verdächtige Drohnenüberflüge und 321 Sabotage-Verdachtsfälle.

KI-Tools können auch Cyberangriffe

Der Internationale KI-Sicherheitsbericht 2026, an dem über 100 Forschende aus mehr als 30 Ländern mitgewirkt haben, zeigt außerdem eindringlich, wie über Untergrundmärkte fertige KI-Werkzeuge für Cyberangriffe global verbreitet werden. Diese KI-Tools sind mittlerweile so günstig und einfach erhältlich, dass immer mehr Personen – und nicht nur staatliche Institutionen – damit enormen Schaden anrichten können – und sogar Konflikte zwischen Ländern provozieren. Der Vorfall mit den mutmaßlich von Russland eingesetzten Drohnen am Leipziger Flughafen gehört dazu.

Kriegswaffe und eine Gefahr für den Zusammenhalt

Dazu ist KI bereits heute eine der größten Bedrohungen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Sie ersetzt schon jetzt zahlreiche Beschäftigte. Der Fortschritt in Richtung einer Superintelligenz, bei der KI in allen beruflichen Aspekten fähiger als der Mensch ist und die die meisten unserer heutigen Arbeitsplätze ersetzen kann, ist so rasant, dass wir bereits in wenigen Jahren an diesem Punkt angekommen sein könnten. Anders als frühere Technologien ist KI dabei nicht primär darauf angelegt, Menschen bei ihren Tätigkeiten produktiver zu machen, sondern sie zu ersetzen und ihnen auch ein Stück Sinnhaftigkeit zu nehmen.

KI erhöht massiv die Ungleichheit von Einkommen und verschärft dadurch die Verteilungskämpfe. Der US-Ökonom und Wirtschaftsnobelpreisträger Daron Acemoğlu zeigt, dass KI die Kluft zwischen Kapital- und Arbeitseinkommen weiter vergrößern dürfte. Und der schier unfassbare Anstieg der Vermögen der Superreichen – Elon Musk wurde in diesem Jahr zum ersten Billionär der Welt – unterstreicht das Potenzial der zunehmenden Ungleichheit.

KI bedroht die Demokratie

KI ist schließlich die wohl wichtigste und akuteste Bedrohung für unsere Demokratie. Immer mehr Superreiche, vor allem jene, die ihr Geld mit KI und Kryptowährungen verdienen, nehmen politischen Einfluss. Ohne sie wäre Donald Trump nicht erneut Präsident der USA und JD Vance nicht Vizepräsident geworden. Der Unternehmer und Investor Peter Thiel und andere sagen bereits seit einiger Zeit sehr offen, dass sie die Demokratie für völlig ungeeignet halten. Und auch in Europa nehmen mächtige Konzerne und ihre Eigentümer immer stärker politischen Einfluss, sodass eine effektive Kontrolle oder eine adäquate Besteuerung der Unternehmen und von Hochvermögenden heute politisch praktisch nicht mehr durchsetzbar erscheint.

Wie ich in meiner Studie zu KI-Chatbots im Juni 2026 gezeigt habe, werden diese Bots– in der Studie SuperGrok von Elon Musks Unternehmen xAI – so instrumentalisiert, dass sie bestimmte politische Parteien und Meinungen fördern und auch nicht vor Manipulation zurückschrecken. Eine große Oxford-Studie mit fast 77.000 Teilnehmenden hat zudem gezeigt, dass KI-Chatbots auch die Meinungen und das Denken der Nutzenden verändern.

Die Gesellschaft muss die Kontrolle bekommen

Daher müssen Politik und Gesellschaft dringend umsteuern und die Kontrolle und das Eigentum von Individuen und einzelnen Unternehmen auf die Gesellschaft als Ganzes übertragen. KI-Infrastrukturen und -Modelle sind heute schlichtweg zu potent geworden, im positiven wie im negativen Sinne. 

Wer kontrolliert die KI?

Konkret bedeutet dies dreierlei:

Zum Ersten brauchen wir ein mehrheitliches Eigentum des Staates an allen KI-Modellen und ihrer Infrastruktur. Das bedeutet nicht, dass KI-Unternehmen jetzt wie Behörden funktionieren sollen. Der Schlüssel liegt vielmehr in starken öffentlich-privaten Partnerschaften, in denen KI-Unternehmen flexibel und innovativ agieren können, die ultimative Kontrolle über Entscheidungen und der Zugang zu Informationen jedoch strikt reguliert sind. Das heißt: Es soll durchaus einen funktionierenden Markt mit starkem Wettbewerb und Anreizen geben. Aber dieser Wettbewerb muss in engen, klar definierten Grenzen bleiben.

Das bedeutet zum Zweiten, dass Stabilität und Sicherheit zentrale Merkmale von KI-Unternehmen sein müssen. Sie dürfen nicht die Kontrolle über KI-Agenten verlieren. Auch hier gibt es eine Parallele zu Atomwaffen: Der Schaden eines Kontrollverlusts kann existenziell für die Menschheit werden.

Und zum Dritten braucht es globale Institutionen und gemeinsame Regeln. Nur so lässt sich ein Wettrüsten (und ein möglicher Kontrollverlust) verhindern. Eine Gruppe von Wissenschaftlern um Yoshua Bengio und Geoffrey Hinton zeigt, wie verbindliche internationale Standards aussehen könnten.

Verantwortung nicht wenigen Männern überlassen

Nun werden manche Leser*innen kritisieren, die Lösung unserer Probleme könne doch nicht immer beim Staat liegen. Die Gesellschaft sollte die Technologie kontrollieren und sie für das Gute nutzen können, die Verantwortung dafür sollte nicht bei staatlichen Institutionen allein liegen, sondern idealerweise global bei allen. Die mächtigste Technologie darf nicht weiterhin von privaten Interessen geleitet werden, sie ist zu potent und wichtig, als dass wir sie in den Händen einiger weniger Männer belassen dürfen. 

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