„Die Zinspause der EZB ist verständlich, aber riskant “

Statement vom 29. Oktober 2026

Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) hat heute beschlossen, das Zinsniveau unverändert zu belassen. Dazu eine Einschätzung von Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin):

BlockquoteDie Pause bei den Zinserhöhungen der EZB ist nachvollziehbar, aber riskant. Die Inflation ist deutlich gestiegen, und die Risiken zeigen weiter nach oben. Vor allem der Krieg im Nahen Osten und die höheren Energiepreise machen es wahrscheinlicher, dass die Inflation auch im kommenden Jahr höher ausfallen wird als bislang erwartet. Im Dezember dürfte die EZB deshalb ihre Inflationsprognose nach oben korrigieren. Mit Verzögerung könnten zudem die Lebensmittelpreise stärker steigen, was vor allem Menschen mit geringen Einkommen treffen würde.

Die gute Nachricht ist, dass bislang keine signifikanten Zweitrundeneffekte erkennbar sind. Weder bei Unternehmensgewinnen noch bei Löhnen gibt es klare Anzeichen für eine sich selbst verstärkende Preis-Lohn-Spirale. Auch die Kerninflation ist deutlich weniger gestiegen als die Gesamtinflation.

Die größere Sorge sind die Inflationserwartungen. Die längerfristigen Erwartungen liegen mit 2,5 Prozent auf fünf Jahre deutlich über dem Zwei-Prozent-Ziel der EZB. Dadurch steigt die Gefahr, dass sich höhere Erwartungen verfestigen und die Glaubwürdigkeit der EZB leidet.

Es ist daher verständlich, dass die EZB zunächst weitere Daten abwarten will. Es könnte sich jedoch als Fehler herausstellen, die Zinsen jetzt nicht angehoben zu haben. Eine Zinserhöhung hätte ein klares Signal gesetzt, dass die EZB ihr Inflationsziel konsequent verteidigt. Die Finanzmärkte rechnen bereits mit weiteren Zinserhöhungen.

Gegen eine sofortige Zinserhöhung spricht, dass die Turbulenzen an den Anleihemärkten die Finanzierungsbedingungen bereits deutlich verschärft haben und damit die schwache wirtschaftliche Erholung zusätzlich bremsen. Die EZB steht daher vor einem schwierigen Dilemma: Ein zu schnelles Handeln könnte die Wirtschaft unnötig schwächen, ein zu langes Abwarten die Inflationserwartungen verfestigen.

Themen: Europa , Geldpolitik

keyboard_arrow_up